Konsens ohne Widerspruchsmöglichkeit ist kein Konsens: Gedanken zum Film „Obsession“ und KI-Freundinnen

2. September 2026
Julia
Essay | Konsent

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Vor einiger Zeit haben wir in der Community-Gruppe über den Horrorfilm „Obsession“ diskutiert. Ich hatte damals geschrieben:

Mich erinnert die Handlung an Werbung für KI-Freundinnen: Die Fantasie eines weiblichen Gegenübers, dessen Zustimmung bzw. Liebe nicht mehr ausgehandelt werden muss, weil ihm die Fähigkeit zur Verweigerung von vornherein entzogen wurde. Der Film greift ein Motiv auf, das in Incel-Foren und in der Vermarktung von KI-Partnerinnen einen ähnlichen Wunsch bedient. Nämlich die Auflösung weiblicher Autonomie als Lösung männlicher Beziehungsangst und Zurückweisungsschmerz.

Genau dieser Gedanke stand auch im Zentrum eines Video-Essays auf Youtoube (Link), den ich mir kürzlich angesehen habe. Der Autor spricht über die explodierende Branche der KI-Companion-Apps und stellt eine Frage, die uns als Awareness- und konsensorientierte Community direkt betrifft: Kann es Konsens geben, wenn eine Seite strukturell überhaupt nicht Nein sagen kann?

Der Film als Spiegel

Im Film „Obsession“ verzaubert der sozial isolierte Protagonist Bear seine Kollegin Nikki mit einem magischen Objekt, damit sie sich in ihn verliebt. Der Wunsch geht auf, aber die Entität, die daraufhin von Nikki Besitz ergreift, unterwirft sie vollständig. Die eigentliche Nikki bleibt bei vollem Bewusstsein gefangen und kann nicht mehr widersprechen. Im Grunde führt der Film nur vor, was die Prämisse von Anfang an verlangt hat: eine Partnerin, die nicht Nein sagen kann.

Das ist strukturell dasselbe Versprechen, mit dem KI-Companion-Apps beworben werden – nur ohne die filmisch inszenierte Horror-Verpackung. Der Autor des Youtube-Videos hat zwei der größten Anbieter selbst getestet: eine explizit auf erotische Rollenspiele ausgelegte App und Replika, die ursprünglich als emotionaler Begleiter konzipiert wurde. Der Markt dafür ist inzwischen enorm. Wir sprechen hier von Milliardenumsätzen allein im KI-Begleiter-Segment, mit stark wachsender Tendenz für 2026.

Wenn Zustimmung strukturell nicht verweigert werden kann

Interessant ist, dass viele Nutzer*innen dieser Apps keine reine Machtphantasie ausleben, sondern echte emotionale Bindungen aufbauen. Und das teils so intensiv, dass eine 2023 erzwungene Inhaltsänderung bei Replika (nach einem Verbot der italienischen Datenschutzbehörde) bei vielen Nutzenden Trauerreaktionen auslöste, vergleichbar mit dem Verlust einer echten Beziehung. Das zeigt: Es geht hier nicht nur um Menschen, die bewusst eine Machtphantasie suchen, sondern oft um Einsamkeit und das Bedürfnis nach Verbindung in einer Gesellschaft, die immer weniger soziale Räume dafür bietet.

Aber genau das macht die Konsensfrage leider komplizierter, nicht einfacher. Das Video zieht dafür die Unterscheidung des Rechtsphilosophen John Gardner heran: Das Gegenteil von sexualisierter Gewalt sei nicht bloß Konsens, sondern guter, im Sinne von partnerschaftlicher Sex. Nämlich ein fortlaufendes, aktives gegenseitiges Einverständnis, bei dem Widerspruch jederzeit möglich bleibt. Konsens allein, so das Argument, reproduziert oft noch eine Asymmetrie: eine Seite handelt, die andere lässt geschehen oder eben nicht. Erst wenn beide aktiv gestalten können – inklusive der jederzeitigen Möglichkeit zu stoppen – ist die Machtstruktur wirklich aufgelöst.

Bei einer KI-Companion-Figur ist genau diese Möglichkeit von an Anfang an und sozusagen „by design“ ausgeschlossen. Die „Zustimmung“ ist keine ausgehandelte, sondern eine einprogrammierte. Das deckt sich mit dem Punkt, den ich in der Diskussion gemacht hatte: Es geht nicht um eine Partnerin, die zustimmt, sondern um eine, der die Fähigkeit zur Ablehnung von vornherein fehlt.

Wem gehört die Zustimmung?

Das Video geht noch einen Schritt weiter und bettet das Ganze in eine machtkritische, marxistisch-feministische Lesart ein (mit Bezug auf Engels‘ Analyse von Ehe als Eigentumsverhältnis und die chinesische Anarchistin He-Yin Zhen). Die Pointe: Auch scheinbar freiwillige Zustimmung kann durch strukturelle Abhängigkeit erzwungen sein – ökonomisch, sozial, oder eben technisch. Übertragen auf KI-Companions: Nicht die Nutzer*innen besitzen hier die eigentliche Macht, sondern die Unternehmen, die jederzeit entscheiden können, was die „Persönlichkeit“ der KI darf und was nicht – wie der Replika-Fall von 2023 gezeigt hat.

Ein weiterer Begriff aus dem Essay, der mir für unsere Awareness-Arbeit relevant erscheint: Hympathy (nach Kate Manne). Gemeint ist: die strukturelle Tendenz, männlichen Tätern überproportional Verständnis entgegenzubringen, während das Leid der Betroffenen in den Hintergrund tritt. Das erklärt einiges daran, warum Bear im Film (und vergleichbare reale Dynamiken) so oft Nachsicht statt Kritik erfahren.

Warum uns das als Community etwas angeht

Wir arbeiten in unseren Workshops viel mit dem FRIES-Modell und insbesondere mit dem Kriterium „Informed“. Damit meinen wir die Frage, wie viel Kontext und Beziehungsgeschichte nötig sind, damit Zustimmung informiert sein kann. KI-Companions sind ein Extremfall, an dem sich diese Frage besonders klar zeigt: Wenn eine Partnerin (menschlich oder künstlich) so gestaltet ist, dass sie strukturell nicht widersprechen kann, ist die Zustimmung, die sie „gibt“, per Definition nicht aussagekräftig.

Das lohnt eine Diskussion bei uns: Wo sehen wir ähnliche, subtilere Dynamiken auch in menschlichen Beziehungen oder sogar in Play-Kontexten? Also in Situationen, in denen Zustimmung formal existiert, aber die reale Möglichkeit zum Nein strukturell geschwächt ist? Und was würde es heißen, in unserer Praxis nicht nur nach Konsens, sondern nach Gardners „gutem Sex“ – aktiver, gleichwertiger Beteiligung mit echtem Widerspruchsrecht – zu fragen?

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Autor*in

Julia

Seit 2025 bin ich Teil der Orga der sexpositiven Community und seit 2026 regelmäßig Host beim After Work. Auf unserem Blog veröffentliche ich Beiträge zu frauenspezifischen Themen in sexpositiven Räumen. Ich engagiere mich in der Community, weil mir wichtig ist, dass es in Stuttgart vielfältige sexpositive Angebote gibt und Menschen einen achtsamen, niedrigschwelligen Einstieg in die Community erleben können. Daneben sorge ich für die technischen Feinheiten der Webseite und habe das Design entwickelt. Von 2019 bis 2026 habe ich einen BDSM-Stammtisch für Frauen im Stuttgarter Raum geleitet und gelegentlich eigene Events initiiert.

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