„Ace sein heißt nicht, dass mir Nähe egal ist“: Ein Gespräch zur Asexual Awareness Week

26. Oktober 2026
Julia
Interview | Persönliche Geschichten

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Vom 25. bis 31. Oktober 2026 ist Asexual Awareness Week. Asexualität wird oft missverstanden, manchmal auch in Räumen, die sich Offenheit gegenüber allen sexuellen Ausdrucksformen auf die Fahnen schreiben. Deshalb habe ich mit Moritz, einem Community-Mitglied, das sich auf dem asexuellen Spektrum verortet, über Identität, Vorurteile und das Ankommen in unserer sexpositiven Community gesprochen. Die Antworten sind sehr persönlich und nur eine Perspektive von vielen. Vielen Dank für das Vertrauen und die Offenheit, lieber Moritz!

Wie möchtest du genannt werden und welche Pronomen nutzt du?

Ich bin Moritz, Pronomen er/ihm.

Wie verortest du dich auf dem asexuellen Spektrum (z. B. asexuell, grey-ace, demisexuell, aromantisch) und in Bezug auf romantische Anziehung? Und wenn du dich nicht festlegen möchtest: Was passt für dich am ehesten?

Ich bezeichne mich Stand jetzt als asexuell und aromantisch. (Obwohl es nur ein Vorurteil ist, dass Asexuelle bloß die richtigen Menschen finden müssen, kann es bei mir durchaus sein, dass ich erst seit kurzem überhaupt wirklich spüren könnte, dass da „etwas ist“ zwischen mir und einer anderen Person. Gerade trifft das aber am besten.)

Wie beschreibst du deine Beziehungssituation und die Beziehungsform, die du suchst?

Ich bin bisher immer Single gewesen, meine gesuchte Beziehungsform wäre am ehesten queerplatonisch. Der oder die Menschen müssen nicht asexuell sein und es muss keine monogame Beziehung sein.

Was bedeutet Asexualität für dich im Alltag?

Ich bin mir nicht immer sicher, was sich meiner Orientierung zuschreiben lässt und was stärker von anderen Eigenheiten beeinflusst wird. Regelmäßig fühle ich mich mit meinem Erleben und meinen Wünschen und Bedürfnissen wie in einer kleinen, nahezu unsichtbaren und kaum erforschten Sofa-Ritze irgendwo zwischen allem.

Eine Sofa-Ritze, das ist ein schönes Bild. Zwischen was genau fühlst du dich?
  • Keinen Sex wollen, aber mich trotzdem nach mehr Körperkontakt zu sehnen und an der Seite von jemandem einschlafen zu dürfen.
  • Kein Verlangen haben, andere nackt zu sehen, zugleich mich selber nackt am wohlsten zu fühlen.
  • Bestehenden Rollen und Skripten nicht entsprechen zu können oder zu wollen, aber mir trotzdem dringend Vorbilder und Orientierung zu wünschen.
  • Offen sein für nicht-asexuelle Menschen als Partner, und mich ihren (möglichen) romantischen Partnern unterlegen fühlen bzw. Sorge davor haben.
  • Froh zu sein, (unerwiderte) Anziehung, Verliebtheit oder Begehren nicht aushalten zu müssen, und mir manchmal dennoch wünschen, dass etwas wie Verliebtheit und Verlangen als klar spürbare Signale hin zu einer bestimmten Person da wären.
  • Mir keine leiblichen Kinder zutrauen und keinen klassischen Kinderwunsch haben, aber trotzdem so sehr zu einer Familie gehören wollen.

Das macht mich besonders und führt immer wieder zu ungewöhnlichen, unerwarteten und schönen Verbindungen und Erlebnissen. Diese Sofa-Ritze fühlt sich aber oft auch verwirrend und einsam an.

„Diese Sofa-Ritze fühlt sich aber oft auch verwirrend und einsam an.“

Was bedeutet Asexualität für dich sonst noch im Alltag?
  • Bestimmt bin ich auch auf andere Weisen und aus anderen Gründen irgendwie anders als viele andere Männer, aber man merkt mir anscheinend an, dass ich im Bereich Anziehung anders ticke und ich nicht auf der Suche nach Sex bin – weder offen noch als Hintergedanke. Vor allem Frauen* bzw. weiblich sozialisierte Menschen haben mir das schon mehrfach so gespiegelt, und es hilft, in beide Richtungen Klarheit und Vertrauen zu schaffen.
  • Stark sexualisiertes bzw. Geschlecht-betonendes Auftreten, Styling oder Kleidung ist für mich befremdlich und stößt mich eher ab, wohingegen ich Nacktheit wie gesagt völlig entspannt sehe.
  • Ich merke regelmäßig in Gesprächen, in den Medien, der Werbung, bei Veranstaltungen, in der Politik usw., dass ich nicht der Norm entspreche, nicht die „Zielgruppe“ bin, oder nicht mitgedacht werde. Auch biografisch bzw. persönlich gelten die „erste Liebe“, der erste Liebeskummer, das erste Mal Sex … als universell, und Sex und Jungfräulichkeit sind massiv aufgeladene Themen.

Und was bedeutet sie nicht?
  • … dass ich Schönheit und Charme nicht wahrnehmen könnte. Ich reagiere bloß stärker auf Verhalten und andere Qualitäten, z. B. ob ein Mensch sich zuverlässig und sicher anfühlt
  • … dass ich anderen ihren Sex oder ihre romantischen Gefühle nicht gönne oder davon pauschal abgestoßen wäre. Ich spreche mit anderen durchaus über ihre romantischen Beziehungen und/oder Sexualpartner, genauso wie über ihre Freundschaften oder ihre Familie. Auch kann ich Geschichten mögen, in denen romantische Beziehungen und Sex eine Rolle spielen, je nachdem wie sie geschrieben sind.
  • … dass Wissen über Sex und damit verbundene Gesundheitsthemen deshalb für mich irrelevant wäre. Bloß weil ich selbst keinen Sex habe, möchten sich meine Freund*innen trotzdem austauschen, gibt es gesellschaftliche und politische Debatten darum, und kursiert viel Unwahrheit, Unwissenheit und Scham, mit denen ich gerne aufräumen helfen möchte.

Wie sieht Nähe für dich aus? Zum Beispiel Berührung, Kuscheln, emotionale Intimität.

Arten von Nähe, die ich gerne teile oder schenke, sind:

  • Unbefangenheit, also sich nicht verstellen – anders sein, albern sein, direkt sein, nackt sein, spontan Zuneigung ausdrücken oder Komplimente machen einfach weil man kann
  • emotionale Offenheit und Ehrlichkeit, also z. B. über schmerzhafte Erlebnisse und belastende Gefühle miteinander sprechen zu können und auch mal schlecht drauf und verletzlich sein zu dürfen
  • Fürsorglichkeit und Aufmerksamkeit, sei es durch sich Zeit nehmen, zuhören, nachfragen oder auch ganz praktisch: massieren, waschen, Haare pflegen, Essen machen bzw. dafür sorgen dass gegessen wird…
  • Körperliche Nähe in Form von Hände halten, anlehnen, tragen, kuscheln, Betten teilen

Und was bedeutet das für deine Beziehungen und Freundschaften?

Meine Freundschaften können Nähe-Qualitäten haben, die manche Menschen sonst nur von Partner*innen kennen. Eine Freundin z. B. beschreibt uns sogar ohne Sex als eine „F+“ weil es sich für sie so stark von ihren übrigen Freundschaften abhebt. Dass das nicht an Exklusivität oder Sex gekoppelt ist, war für sie komplett neu, und sie empfindet es als befreiend und heilsam. Gleichzeitig hab auch ich mit und von ihr sehr viel lernen dürfen.

Wo liegt für dich der Unterschied zwischen Freundschaft und Partnerschaft?

Zwischen Freundschaft und Partnerschaft unterscheidet für mich deshalb nicht, wie viel Nähe ich mit dem Menschen habe, sondern ob es ein Commitment für eine gemeinsame Alltags- und Lebensgestaltung gibt, also eine regelmäßige Nähe, gemeinsame Ziele, eine gemeinsame Existenz usw., die man zusammen gestaltet. Das wäre jedenfalls der Wunsch.

„Zwischen Freundschaft und Partnerschaft unterscheidet nicht, wie viel Nähe ich mit dem Menschen habe, sondern ob es ein Commitment für eine gemeinsame Alltags- und Lebensgestaltung gibt.“

Du bist noch auf der Suche. Wie erlebst du das?

Das stimmt, noch bin ich auf der Suche. Allerdings habe ich auch erst vor kurzem überhaupt mit dem Suchen angefangen, weil ich dem Mainstream-Bild von Liebe, Partnerschaft und Familie geglaubt und mich selber als untauglich abgestempelt hatte. Untauglich bin ich vielleicht nicht, aber selten (siehe die „Sofa-Ritze“). Ich bräuchte, neben allem anderen was mir sonst noch wichtig wäre, jemanden, dem entweder begehrt werden und Sex nicht fehlen würde, oder der offen für nicht-monogame Beziehungen ist. Viele Menschen, mit denen ich mich auf Anhieb verstehe, die ähnlich kommunizieren und die viele zusammenpassenden Vorstellungen und Bedürfnisse haben, tun sich obendrein gerade mit körperlicher Nähe entweder schwer oder suchen sie nicht im selben Maß. Sei es weil es ihnen sensorisch unangenehm ist (hallo, Neurodivergenz!), weil sie traumatische Erfahrungen gemacht haben oder weil es halt schlicht und einfach nicht ihr Ding ist. Entsprechend vorsichtig muss ich sein, um niemanden zu verletzen oder selbst enttäuscht zu werden.

„Untauglich bin ich vielleicht nicht, aber selten.“

Welche Missverständnisse und Vorurteile über Asexualität begegnen dir am häufigsten?
  • Asexualität sei keine Orientierung, sondern das Fehlen/Nicht-Erkennen von einer
  • Man müsse ja nur die richtige Person gefunden oder Sex ausprobiert haben
  • Asexualität sei krankhaft oder ein Schaden (z. B. durch Trauma)
  • Asexuelle verabscheuen Sex und/oder haben keine Ahnung davon
  • Asexualität schließe auch Selbstbefriedigung aus
  • Verwechslung von Asexualität mit (un)freiwilliger Enthaltsamkeit

Sind dir solche Vorurteile auch in der sexpositiven Community begegnet?

Nichts davon speziell in der 6+ Community, oder nicht dass ich mich genau erinnern könnte. Ein sehr bestärkendes Erlebnis war tatsächlich auf einem 6+ Event, wo ich zum ersten Mal eine nicht-asexuelle Person traf, die sich eine Beziehung mit Asexuellen ganz konkret für sich persönlich als schön und harmonisch vorstellte, und nicht nur als theoretisch möglich.

Was würdest du dir wünschen, dass mehr Menschen über Asexualität und das Spektrum wissen?

Dass die Vorurteile, die ich genannt hatte, nicht stimmen, und:

  • Dass wir überhaupt existieren.
  • Dass einzelne Formen der Anziehung (ästhetisch, romantisch, sexuell, …) unabhängig voneinander existieren und verschieden stark in verschiedene Richtungen zeigen können – auch bei nicht-asexuellen Menschen.
  • Dass unabhängig von ihrer romantischen und sexuellen Ausprägung bei Menschen auf dem Asexuellen Spektrum die Haltung zu Sex extrem variieren kann – von „genießt Sex oder zumindest bestimmte Sex-Praktiken aber sucht es nicht aktiv“ bis „fühlt sich von allen sexuellen Handlungen oder selbst Beschreibungen davon abgestoßen“.
  • Dass auch asexuelle Menschen sich (körperliche) Nähe, Partnerschaft, Familie oder Kinder wünschen können und nicht pauschal uninteressiert daran oder ungeeignet dafür sind.
  • Dass es noch weniger als für manche andere Formen des Queer-Seins Repräsentation bzw. Vorbilder gibt, die offen diese Orientierung einschließlich Beziehungen, Familie usw. vorleben. Umso mehr läuft man Gefahr, sich „anders“ und „falsch“ zu fühlen, gerade wenn man noch an anderer Stelle schon nicht dem Standard entspricht (Minderheit, Einschränkungen, Neurodivergenz, …).
  • Dass Asexuelle sich sogar wenn sie sich selber als queer bezeichnen in queeren Räumen schwer damit tun können, sich zugehörig zu fühlen, obwohl sie ja namentlich in LGBTQIA und in der Flagge eingeschlossen sind. Queer (nur im Bezug auf Orientierung, nicht Identität) ist für viele Menschen immer noch gleichbedeutend mit „verliebt sich in/hat Sex mit etwas anderem als (nur) gegengeschlechtlichen Personen“. Für mich bedeutet es, generell anders zu lieben – und das kann eben auch heißen z. B. ohne Sex, oder mit romantischen Gefühlen nur unter bestimmten Bedingungen.

„Für mich bedeutet es, generell anders zu lieben.“

Wie hast du den Zugang zur sexpositiven Community erlebt und was hat dich dorthin geführt?

Ich entdeckte die Community nur durch ihre Überlappung mit der Stuttgarter Poly-Community/Polytreff. Ich fand es damals bereichernd, mehr Perspektiven zu Beziehungen und Sexualität zu bekommen, weil ich selbst noch nie Beziehungen geführt oder Sex gehabt hatte, und habe an einigen Veranstaltungen teilgenommen. Ich habe aber irgendwann aus verschiedenen Gründen wieder damit aufgehört und verfolge eher die Chatgruppen.

Wie können Menschen in der Community Ace-Personen besser unterstützen oder einbeziehen?

Die 6+ Community versucht ja bereits, sehr vielen unterschiedlichen Menschen und sehr breit gestreuten Interessen & Themen gerecht zu werden. Da wo es nicht ohnehin schon gemacht wird kann es vielleicht helfen mal zu erheben, wie viele Asexuelle unter den Mitgliedern oder unter den Angemeldeten für ein bestimmtes Angebot sind, oder kurz nachzudenken, ob Programmgestaltungen und Formulierungen auch die „A“s im LGBTQIA abholen werden, wo das möglich und sinnvoll ist. Wer asexuell ist, wird sich für bestimmte Angebote wahrscheinlich gar nicht erst interessieren oder von vornherein komplett an der 6+ Community vorbeilaufen.

Großes Potenzial sehe ich besonders für die, die nicht „ganz“ aro und ace sind, sondern z. B. demi. Je mehr Verständnis bei ihnen selbst und anderen dafür herrscht, dass Anziehung sich sehr langsam entwickeln kann oder bestimmte Voraussetzungen braucht, desto größer die Chance, dass auch mit diesen Menschen tolle romantische und/oder sexuelle Verbindungen und Partnerschaften entstehen können, und dass sie wertvolle Perspektiven in die Community einbringen können.

Was möchtest du den Leser*innen noch mitgeben?

Mir ist klar, dass das Erleben von Menschen auf dem Asexuellen Spektrum schwer vorstellbar sein kann, selbst für andere queere Menschen. Ich bin einfach dankbar für jeden, der Asexuelle sieht, in ihrem/seinem Tun mitdenkt und vielleicht auch persönlich hinterfragt: „Wünsche ich mir bzw. brauche ich für diesen oder jenen Aspekt meines Lebens wirklich jemanden, die sich in mich verlieben/mich begehren/mit denen ich Sex habe?“

–– Ende des Interviews —

Danke an Moritz für das ehrliche Gespräch. Was ich mitnehme: Das asexuelle Spektrum ist unglaublich vielfältig und es gibt nicht die eine Ace-Erfahrung. Für uns als Community bedeutet das: erst mal zuhören und nicht davon ausgehen, dass wir schon Bescheid wissen.

Wenn du Gedanken oder Fragen hast, schreib uns gern. Wir wollen möglichst viele Entwicklungswege, Identitäten und Beziehungsmodelle sichtbar machen. Wenn du deine Geschichte teilen oder dich interviewen lassen möchtest, schreib uns gern. Ob mit Namen, Pseudonym oder anonym, liegt ganz bei dir.

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Autor*in

Julia

Seit 2025 bin ich Teil der Orga der sexpositiven Community und seit 2026 regelmäßig Host beim After Work. Auf unserem Blog veröffentliche ich Beiträge zu frauenspezifischen Themen in sexpositiven Räumen. Ich engagiere mich in der Community, weil mir wichtig ist, dass es in Stuttgart vielfältige sexpositive Angebote gibt und Menschen einen achtsamen, niedrigschwelligen Einstieg in die Community erleben können. Daneben sorge ich für die technischen Feinheiten der Webseite und habe das Design entwickelt. Von 2019 bis 2026 habe ich einen BDSM-Stammtisch für Frauen im Stuttgarter Raum geleitet und gelegentlich eigene Events initiiert.

Bildquelle:

KI-generiert

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