Es taucht regelmäßig auf, diese Frage. Manchmal als offene Nachfrage, manchmal eher leise irritiert: Warum steht da explizit, dass Anfragen auf dem Event oder im Anschluss nicht erwünscht sind? Wir sind doch eine sexpositive Community. Geht es hier nicht um Sexualität? Und ergibt sich Sexualität nicht aus Kontakt, aus Interesse, aus dem, was man Dating nennt?
Diese Abfolge von Schlussfolgerungen ist nachvollziehbar. Und sie ist trotzdem nicht zwingend. Ich möchte hier versuchen, auseinanderzufalten, was darin steckt und dass es sich lohnt, da mal genauer anzuschauen.
Was in diesen Räumen passiert
Die betreffenden Formate verfolgen ein bestimmtes Ziel: Sie sollen Räume sein, in denen persönliche, mitunter sehr intime Themen besprochen werden können. Themen, die gegenüber Dating-Interessierten (noch) nicht gesagt werden. Themen, die erst eine Weile innerlich reifen und mitunter „brennen“ müssen, bevor sie sich nach außen wagen. Das ist kein Fehler, sondern vielmehr ist ein Prozess, der unseren Respekt verdient.
Solche Räume funktionieren nur, wenn sie ein bestimmtes Sicherheitsgefühl erzeugen. Dieses Gefühl ist fragil. Es ist nicht etwas, das durch eine Regel oder eine Ansage hergestellt wird, sondern etwas, das durch das Verhalten aller Anwesenden entsteht oder eben nicht entsteht. Jede Person im Raum trägt dazu bei.
Wenn jemand gerade etwas Persönliches geteilt hat und im Anschluss nach einem Date gefragt wird, kann das störend wirken. Und zwar nicht, weil die anfragende Person böswillig wäre. Sondern weil in diesem Moment plötzlich etwas Neues im Raum steht: die Notwendigkeit, eine Grenze zu kommunizieren. Ein Nein zu formulieren. Und das fällt nicht allen Menschen leicht.
Was Grenzen kommunizieren kostet
Das ist ein Punkt, der oft unterschätzt wird. Grenzen zu setzen ist eine Kompetenz und wie jede Kompetenz ist sie unterschiedlich ausgeprägt, situationsabhängig und mit unterschiedlichem emotionalem Aufwand verbunden. Es gibt Menschen, die mit dieser Fähigkeit sehr souverän umgehen. Und es gibt Menschen, die erlebt haben, dass ihre Grenzen systematisch nicht respektiert wurden; oder die gelernt haben, dass das Setzen von Grenzen ihre Liebenswürdigkeit in den Augen anderer mindert.
Für letztere ist ein Raum, in dem von vornherein klar ist: Hier muss ich das nicht, ein anderer Raum. Die No-Dating-Policy greift diesem Bedarf vor. Sie sagt nicht, dass Grenzen setzen keine wichtige Fähigkeit wäre … im Gegenteil! Sie sagt: In diesem Format ist es nicht deine Aufgabe. Und das kann wiederum dafür sorgen, dass bestimmte Themen überhaupt erst sagbar werden.
An Menschen, die souverän mit ihren Grenzen umgehen und vielleicht das Bedürfnis nach romantischer oder sexueller Begegnung als durchaus drängend erleben, richte ich eine Einladung: Das eigene Bedürfnis für die Dauer eines Formats zurückzustellen, um einen Raum für andere zu halten. Auch das ist ein lohnendes Lernfeld! Und die Intimität, die in einem nicht-sexuellen, nicht-romantischen Gespräch entstehen kann, hat eine eigene Qualität. Sie zu erfahren, kann den Blick auf das weiten, was Nähe alles sein könnte (abseits von Sex).
Dating als Standardeinstellung?
Damit komme ich zu einem zweiten, grundsätzlicheren Punkt. Hinter der Frage Warum kein Dating? steckt häufig eine stille Annahme: dass Dating – also das aktive Suchen nach romantischer oder sexueller Verbindung – die natürliche Grundeinstellung sexpositiver Zusammenkünfte sei. So wie der Besuch eines Swingerclubs implizit mit der Erwartung verknüpft wird, Sex zu haben. Wer das nicht will, bekommt manchmal die Gegenfrage zu hören: Warum bist du denn sonst da?
Diese Matrix verdient Aufmerksamkeit. Gerade in einer Community wie unserer.
Unsere Mitglieder bewegen sich auf einem breiten Spektrum: hinsichtlich Identitäten, Orientierungen, Bedürfnissen und dem, was sie in einem Raum suchen. Anlässlich des Tags der Asexualität hatten wir eine Diskussion auf Signal, die genau das berührt hat: Inwieweit ist unsere Brille als Raumhalter*innen allosexuell und alloromantisch geprägt? Denken wir andere Perspektiven ausreichend mit?
Die Einladung, die ich an dieser Stelle formulieren möchte, richtet sich an alle, die die anfangs genannte Frage aufbringen: Stellt auch eure eigene Perspektive auf den Prüfstand. Nicht weil der Wunsch nach Dating oder Sex nicht valide wäre. Er ist es selbstverständlich! Aber nur weil er für manche Menschen der selbstverständliche Ausgangspunkt ist, gilt das nicht für alle. Vielleicht können wir Menschen, für die das anders ist, dabei helfen, sich mit ihrer Identität ebenso normal und selbstverständlich zu fühlen wie diejenigen, für die sexuelle oder romantische Wünsche der Normalfall sind. Das gelingt nur, wenn beide Haltungen im selben Raum gleichermaßen Platz haben.
Es wird manchmal eingewandt: „Aber wir sind doch hier in einer geschützten Community! Da kann beides nebeneinander existieren!“ Dieser Gedanke ist verständlich. Und er überspringt trotzdem einige Schritte. Er unterschätzt, wie tief die Prägungen sitzen, die wir aus einem System mitbringen, das 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche außerhalb unserer Formate wirksam ist. Eine verbale Postulierung – hier sind alle willkommen mit dem, was sie wollen – reicht nicht, um Muster aufzulösen, die seit der Kindheit bestehen. Das ist kein Vorwurf. Es ist ein Prozess. Manchmal ein sehr langer. Manchmal einer, der nie vollständig abgeschlossen wird. Auch das gilt es zu respektieren.
Ein Muster, das ich gelegentlich beobachte
Es gibt noch einen Aspekt, dem ich mich nicht entziehen kann, und bei dem ich leider gendern muss, weil das Muster, das ich beschreibe, ein geschlechtlich geprägtes ist.
Ich beobachte, auch auf Basis eigener Erlebnisse, dass manche Männer Räume betreten mit einer festen inneren Erwartung: sexuelle oder romantische Aufmerksamkeit zu erhalten. An diesem Wunsch selbst ist nichts auszusetzen. Das Muster, das sich daraus entwickeln kann, ist ein anderes: Frau um Frau wird gleichsam abgefragt, ob sie diese Aufmerksamkeit zu geben bereit ist. Das erzeugt eine schwierige Gruppendynamik und fühlt sich für die Betroffenen nicht gut an.
Dahinter liegt, so beobachte ich es, eine bestimmte Grundhaltung gegenüber Räumen und Gemeinschaften: als etwas, dem man entnehmen kann, was man braucht. Als Terrain, auf dem man etwas gewinnen, ja: erobern kann. Das ist eine zutiefst patriarchal geprägte Verhaltensweise. Das meine ich nicht im Sinne eines persönlichen Vorwurfs, sondern im Sinne einer Sozialisationsstruktur, die wir alle in uns tragen, in unterschiedlichem Ausmaß.
Der Gedanke einer Community ist dem entgegengesetzt. Eine Gemeinschaft lebt nicht davon, dass Einzelne aus ihr schöpfen. Sie entsteht durch das, was alle einbringen. Die relevantere Frage ist daher nicht: Was kann dieser Raum mir geben? Sondern: Was kann ich beitragen, damit dieser Raum für alle tragfähig(er) wird? Manchmal ist dieser Beitrag das eigene Zurückhalten. Und das kann schmerzhaft sein, weil die eigenen Wünsche ja trotzdem bestehen bleiben.
Ich glaube, dass es sich hier ähnlich verhält wie in Beziehungen: Ein Gegenüber ist nicht dazu da, sämtliche Bedürfnisse zu erfüllen. Ebenso wenig eine Gemeinschaft. Was wir anbieten können – und anbieten wollen – ist Respekt. Gesehen-Werden. Einen Rahmen, in dem Wünsche respektvoll geäußert werden können, in den dafür vorgesehenen Settings. In anderen Settings ist das nicht in vollem Umfang möglich. Und ich hoffe, dass dieser Text ein wenig Orientierung bieten kann für all jene, die mit offenen Fragen in unsere Räume kommen.