In letzter Zeit habe ich intensiv über die sogenannte sexuelle Befreiung der Frau nachgedacht. Nicht nur abstrakt, sondern kontextualisiert in sexpositiven Räumen, in Dating-Gruppen, in Workshops und im Umgang mit meinem eigenen Körper.
In vielen Kontexten, die mit Sexualität zu tun haben, lässt sich ein wiederkehrendes Muster beobachten: Ein großes Angebot an sexueller Initiative und Verfügbarkeit von Männern trifft auf einen deutlich kleineren Kreis von Frauen, die bereit sind, sich auf sexuelle Kontakte einzulassen oder diese aktiv zu suchen.
In sexpositiven Diskussionen begegnet mir immer wieder – manchmal explizit, häufiger indirekt – der Wunsch, Frauen mögen sich nun endlich „sexuell befreien“, damit das Ungleichgewicht kleiner werde. Das unausgesprochene Ziel scheint häufig zu sein, dass dadurch der Druck und die Frustration auf männlicher Seite sinkt.
Ich überspitze und generalisiere hier bewusst. Gerade in unserer Community nehme ich ein hohes Bewusstsein für Grenzen und Konsens wahr. Dennoch bleibt das grundlegende Spannungsfeld bestehen.
Hinzu kommt eine weit verbreitete Annahme, ein großer Teil der sexuellen Zurückhaltung von Frauen sei vor allem gesellschaftlich anerzogen und damit veränderbar. In dieser Logik erscheinen ein oder zwei Seminare zur Körper- und Lustentdeckung als beinahe hinreichende Intervention.
Diese Angebote aus unserer Community sind sinnvoll und wichtig. Jeder Mensch, der Orgasmusfähigkeit, sexuellen Genuss oder Zugang zum eigenen Körper wünscht und diesen Zugang aus körperlichen oder psychischen Gründen nicht ohne Unterstützung finden kann, hat aus meiner Sicht ein Recht auf Hilfe. Das ist einer meiner zentralen sexpositiven Grundwerte.
Problematisch wird es dort, wo mit dem Begriff der „Befreiung“ unausgesprochen eine Angleichung an männlich kodierte Sexualität gemeint ist.
Das männliche Sexualskript als stiller Referenzpunkt
Wenn von der sexuellen Befreiung der Frau gesprochen wird, ist häufig gemeint, dass Frauen Sex so leben wie Männer. Dies bezieht sich nicht auf einzelne Männer, sondern auf ein kulturell geprägtes, als männlich markiertes Sexualskript.
Dieses Skript umfasst etwa die Vorstellung eines häufigen, relativ konstanten sexuellen Verlangens, eines hohen Maßes an Initiative, einer direkten verbalen Kommunikation des Begehrens sowie eine starke Fokussierung auf Penetration und Orgasmus als zentralem Akt. Lust gilt in dieser Logik als jederzeit verfügbar, Sexualität als Ressource, auf die man jederzeit zugreifen kann.
In medialen Erzählungen wird dieses Skript häufig zum Standard erhoben. Viele wurden durch Serien wie „Sex and the City“ sozialisiert, in denen weibliche Figuren stolz formulieren, sie hätten „Sex wie ein Mann“ gehabt. Dies wird als ultimativer Ausdruck von Freiheit inszeniert. Implizit entsteht dabei die Abwertung einer vermeintlich weiblichen Sexualität, die als unzuverlässig, launisch, zyklisch, verschämt, schwer lesbar und körperlich kompliziert dargestellt wird.
Zyklus- und hormonbedingte Schwankungen, Schwangerschaft, Wechseljahre, schmerzhafte Menstruationen, Vaginismus, hormonell bedingte Trockenheit oder rezidivierende Blasenentzündungen erscheinen in dieser Erzählung vor allem als Störung eines eigentlich angestrebten permanenten sexuellen Betriebs. Weibliches Begehren, das nicht permanent verfügbar und somit funktional ist, wird damit indirekt pathologisiert.
Im Ergebnis werden misogyne Botschaften („So wie du von Natur aus bist, bist du defizitär“) in ein positives Narrativ verpackt. „Befreiung“ bedeutet dann, das eigene Erleben an ein normiertes, männlich codiertes Ideal anzupassen.
Die doppelte Botschaft: Befreiung und Beschämung
Hinzu tritt eine zweite Ebene. Frauen sollen sich öffnen, experimentierfreudig sein, sexuelle Initiative ergreifen, Angebote machen, Lust formulieren. Wird dies jedoch in einem Umfang oder einer Form gelebt, die als „zu viel“ gilt, folgt nicht selten eine schnelle Abwertung.
Die bekannte Dichotomie zwischen Heilige und Hure wirkt hier fort, wenn auch häufig subtiler codiert. Eine Frau, die ihre Wünsche klar formuliert, kann als bedrohlich, zu fordernd oder zu unabhängig erlebt werden. Gleichzeitig wird Frauen, die wenig Initiative zeigen oder Angebote ablehnen, schnell mangelnde Offenheit, Prüderie oder „Unsexyness“ zugeschrieben.
In sexpositiven Kontexten erlebe ich auf der einen Seite große Dankbarkeit, wenn Frauen ihre Wünsche und Grenzen klar kommunizieren. Auf der anderen Seite beobachte ich aber auch Irritation oder Abwehr, sobald diese Klarheit mit einem deutlichen „Nein“ oder mit struktureller Zurückhaltung gegenüber häufigen Kontakten einhergeht.
Performte Befreiung und körperliche Abwesenheit
Eine somatische Psychologin, deren Instagram-Beiträge zu sexueller Befreiung und Körperarbeit mich stark beeinflusst haben, beschreibt in ihrer Praxis ein wiederkehrendes Phänomen. Viele ihrer Klientinnen wirken nach außen äußerst sexuell kompetent und befreit. Sie sind mit Casual Sex vertraut, sprechen locker über Sexualität, nehmen an sexpositiven Veranstaltungen teil und erfüllen scheinbar alle Kriterien eines liberalen, modernen, lustorientierten Lebensstils.
Im inneren Erleben zeigt sich jedoch häufig ein anderes Bild. Viele berichten, dass sie während sexueller Begegnungen nur eingeschränkt im Körper anwesend sind, ihren eigenen Empfindungen nur bedingt vertrauen oder primär damit beschäftigt sind, die Bedürfnisse des Gegenübers zu erfüllen. Nach Begegnungen zeigen sich nicht selten Gefühle von Leere, Irritation, Scham oder innerer Abgeschnittenheit.
Die Therapeutin formuliert zugespitzt (Zitat sinngemäß):
Ein großer Teil dessen, was als sexuelle Befreiung von Frauen gefeiert werde, sei in Wahrheit die performative Reproduktion männlicher Sexualskripte. Zugang zum eigenen Körper und zum eigenen Begehren entstehe dadurch jedoch nur teilweise.
Historische Perspektive und imitierte Freiheit
Die sexuelle Revolution des 20. Jahrhunderts und insbesondere die Einführung der Pille haben Sexualität weitgehend von Fortpflanzung entkoppelt. Frauen wurde dadurch ermöglicht, Sex zu haben, ohne unmittelbar mit einer möglichen Schwangerschaft rechnen zu müssen. In vielen Diskursen galt dies als Gleichziehen mit männlichen Formen der Sexualität.
Dabei wurde jedoch selten gefragt, ob das zugrunde liegende männliche Freiheitsmodell tatsächlich ein sinnvolles Leitbild für Frauen ist. Freiheit wurde oft mit Promiskuität bzw. Quantität gleichgesetzt: mit der Anzahl der Sexualkontakte, der Ungebundenheit und der scheinbaren Verfügung über den eigenen Körper als Objekt der Lust.
Die oben erwähnte Therapeutin beschreibt dies mit einer psychologisch inspirierten Formel. Statt männliche Qualitäten (wie Klarheit, Zielorientierung, Initiative) innerlich zu integrieren, hätten viele Frauen lediglich deren äußere Formen imitiert. Das Imitat sei fälschlicherweise mit Gleichberechtigung verwechselt worden.
Die entscheidende, oft ungestellte Frage lautet: Wie würde sich sexuelle Befreiung darstellen, wenn sie sich nicht an einem männlich codierten Maßstab orientiert, sondern an den tatsächlichen Bedürfnissen und Rhythmen weiblicher Körper und subjektiver Erfahrungen?
Die Schwierigkeit, eigenes Begehren zu erkennen
Aus meinen eigenen Prozessen kann ich berichten, wie schwer es ist, das eigene Begehren von verinnerlichten Botschaften zu unterscheiden. In konkreten Situationen ist häufig nicht eindeutig erkennbar, ob ein „Ja“ wirklich aus dem Körper kommt oder ob es aus dem Wunsch entsteht, bestimmten Erwartungen zu entsprechen.
Während eines sexuellen Angebots sitze ich nicht nur einem konkreten Menschen gegenüber. Mit uns anwesend sind unzählige Bilder, Medienprodukte, kollektive Vorstellungen und innere Skripte, die darüber mitentscheiden, was als angemessenes Verhalten gilt.
Nicht selten zeigt sich erst Tage später, wie stimmig eine Entscheidung tatsächlich war. Der Körper reagiert dann etwa mit Erschöpfung, innerem Widerstand oder Traurigkeit.
Hinzu kommt, dass das Setzen von Grenzen in einem System, das theoretische Verfügbarkeit belohnt, schmerzhaft sein kann. Ein „Nein“ kann soziale Folgen haben, zu Enttäuschungen führen oder das Bild einer sexpositiven, „offenen“ Person vermeintlich beschädigen.
Zur Verwendung der Mann–Frau-Matrix
An dieser Stelle ist mir eine Einordnung wichtig. In diesem Text spreche ich häufig in der binären Matrix „Mann“ und „Frau“ und arbeite mit Verallgemeinerungen. Mir ist bewusst, dass Geschlecht in der gelebten Realität komplexer ist, dass es trans*, nicht-binäre und inter* Personen gibt, deren Erfahrungen von Sexualität und Normierung sich nochmals deutlich unterscheiden, und dass auch Männer erheblich unter sexualisierten Rollenerwartungen leiden.
Ich nutze diese vereinfachte Matrix nicht, weil ich eine starre Binarität für angemessen halte, sondern weil sie hilft, bestimmte kulturelle Muster zu analysieren, die historisch und strukturell stark in dieser Dichotomie verankert wurden. Die beschriebenen Dynamiken können daher nur als Ausschnitt verstanden werden.
Eine alternative Perspektive auf sexuelle Befreiung
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie eine Definition sexueller Befreiung aussehen könnte, die nicht primär an männlichen Standards orientiert ist.
Vielleicht wäre eine Befreiung denkbar, in der eine Frau ihren Körper so gut kennt, dass sie körperliche Erregung von Angst und Stressreaktionen unterscheiden kann, und in der sie bemerkt, ob ihr „Ja“ aus einem echten Wunsch entsteht oder aus Anpassung. Zyklische Schwankungen des Verlangens würden darin nicht als Defizit, sondern als regulärer Bestandteil körperlicher Realität gelten.
Für manche könnte Befreiung bedeuten, viele unterschiedliche Partnerinnen und Partner zu haben. Für andere könnte sie in einer einzigen, tiefen Beziehung liegen oder in Phasen sexueller Enthaltsamkeit. Wieder andere würden ihre Sexualität eher ohne oder mit wenig Partnersex leben. Entscheidend wäre nicht das äußere Verhalten, sondern die Qualität der Beziehung zum eigenen Begehren und zum eigenen Körper.
Diese Überlegungen gelten im Übrigen nicht nur für Frauen. Auch Männer und alle anderen Geschlechter haben das Recht, sich von destruktiven Skripten und internalisierten Normen zu lösen und ihre Sexualität aus einer verkörperten, reflektierten Position neu zu gestalten.
Eine offene Frage an sexpositive Räume
In sexpositiven Communitys tauchen immer wieder Fragen auf, warum Frauen sich nicht einfach fallen lassen, warum sie nicht genauso unbefangen nach Sex fragen wie Männer oder warum sie nicht auf die Vielzahl an Angeboten reagieren, die ihnen gemacht werden.
Ich möchte anregen, solche Fragen vor dem Hintergrund der beschriebenen Dynamiken zu betrachten. Wir bewegen uns in einem kulturellen System, das weibliche Sexualität gleichzeitig überbetont, pathologisiert, beschämt und objektifiziert. Frauen navigieren in diesem Gefüge zwischen widersprüchlichen Erwartungen, internalisierten Botschaften und den subtilen Sanktionen, die auf Grenzsetzungen folgen können. Hiermit ist körperliche nicht einmal inkludiert.
Statt vorrangig auf eine quantitative Angleichung von „Angebot“ und „Nachfrage“ hinzuarbeiten, könnte eine sexpositive Praxis sich stärker an der Förderung von Verkörperung, Differenzierungsfähigkeit und dialogischer Aushandlung orientieren.
Ich habe keine abschließende Antwort darauf, wie „echte“ sexuelle Befreiung aussehen muss. Mir erscheint jedoch eine Frage zentral, die ich gerne im Raum stehen lasse und zur gemeinsamen Reflexion anbiete:
Wie könnte sexuelle Befreiung für eine Frau gestaltet sein, wenn sie sich weder am Male Gaze noch an männlich codierten Sexualskripten orientiert, sondern an ihrem eigenen Körper, ihrer eigenen Geschichte und ihrer eigenen Form von Begehren?
Diese Frage lässt sich vermutlich nicht allein theoretisch beantworten. Sie braucht Räume, in denen Ambivalenz, Zögern, Nein-Sagen, Ja-Sagen und das noch Unklare nebeneinander existieren dürfen, ohne sofort normiert zu werden.
Eine Antwort
sie braucht nicht nur praktische, also individuelle Erfahrung, RealLife, sie braucht auch Abgrenzung. Befreiung ist nicht Begegnung und auch nicht das Interagieren in Begegnung. Das sind drei sehr unterschiedliche Dimensionen sexuellen Erlebens.
und noch wichtiger: Befreiung ist auch nicht dasselbe wie Erfüllung. Begehren kann erfüllt werden aber das befreit ja an sich nichts.
oder geht es um Erlösung?
von was denn?
Befreiung würde ich da verorten wo es um Erwartungen geht, gesellschaftliche Erwartungen zB wie Du zu sein und wie Du Dich zu verhalten hast. Da dagegen zu halten ist verhältnismäßig einfach. wenn Dir diese Erwartungen privat begegnen, schwingt immer auch die Frage mit, ob man sich lieb hat.
Bin ich okay, so wie empfinde und wie ich mich verhalte?
Bin ich sicher bei Dir?
Bin ich sicher mit mir?
und ich glaube, so ganz persönlich und aus eigenem so-empfinden:
je befreiter die eigene Sexualität ist, desto weniger drängt diese Frage danach ob man sich lieb hat. vielleicht weil’s nicht so wichtig ist, wie sich selbst zu lieben, oder weil die Frage sich zur Antwort entwickelt?
Aber auch solche Dimensionen von Befreiung (von Ängsten wohl) sind ja auch immer noch keine konkreten Begegnungen. Oder tatsächliches Geschehen, obwohl‘s natürlich für beides ein echter Gamechanger ist. und natürlich auch eine Prüfung.
im Übrigen glaube ich nicht, dass unser kulturelles System nur ein Problem mit weiblicher Sexualität hat (überbetonend, pathologisierend, beschämend und objektifizierend). es ist wichtig, all das zu benennen, weil‘s damit sichtbar und veränderbar wird, verhandelbar. aber es löst sich nicht auf, solange und indem männliche Sexualität als aggressiv und übergriffig assoziiert (und erwartet) wird.
was für eine Vorstellung von Männlichkeit liegt denn der Antwort zugrunde ob man die eigene Tochter im Wald lieber mit einem Mann oder einem Bären alleine wisse?
als nonbinärer Mensch kann ich mich geschickter Weise aus jeder Schusslinie rausnehmen, aber wenn ich mir vergegenwärtige, wie viel Angst, Empörung, Wut und Verachtung, letztlich Verurteilung mir als Mann entgegen gebracht wird, nur für‘s Mann sein…
unschön. beleidigend in einem Maße, dass es mir fast angeraten scheint lieber mit Bären als mit Frauen im Wald spazieren zu gehen.
auch das können Ansatzpunkte für Befreiung sein: konkret über eigene Ängste, Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen, sich darin auch zu erforschen.
hmmm… ehrlich gesagt, kann ich mir eine sexpositive Praxis anders gar nicht vorstellen. alles andere was ich mir darunter vorstellen könnte tendiert mir schon zu sehr ins Performative.
omg was für eine grauenhafte Vorstellung:
da zu stehen mit den Gefühlen eines ganzen Lebens und konfrontiert zu werden mit Erwartungshaltungen, wie man zu sein und was man zu leisten hat, statt einfach mal gesehen zu werden. wie ausgesprochen unsexy.