Ein Ruf an uns Männer – Verantwortung als Grundlage sexpositiver Räume

24. November 2025
Ingo
Männlichkeiten reflektieren

Diese Audiodatei existiert noch nicht. Schau in 5 Minuten nochmal vorbei.

Ein Ruf an uns Männer – Verantwortung als Grundlage sexpositiver Räume

Gedanken aus männlicher, männlich sozialisierter Perspektive

Ich richte diesen Beitrag bewusst an Männer – also an Menschen, die männlich sozialisiert wurden –, nicht weil nur sie Verantwortung tragen, sondern weil sexpositive Verantwortung von uns allen gelebt werden muss. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass gerade männliche Sozialisation bestimmte Muster mit sich bringt, die wir aktiv reflektieren müssen, damit unsere Räume sicher, frei und respektvoll bleiben.

Wer neu in der Szene ist, findet hier eine Einführung, was sexpositive Kultur eigentlich bedeutet:
Was ist Sexpositivität

Ich lade uns ein, in die Verantwortung hineinzuwachsen, die wir tragen.
Nicht, weil wir schuldig sind,
nicht, weil wir schlechter sind,
sondern weil wir – wie alle anderen Menschen auch – die Fähigkeit haben, Gutes zu tun, Räume zu halten und ein Stück Ehre in unser Handeln zu legen.

Ja, ich meine tatsächlich Ehre.
Nicht im alten, patriarchalen Sinn,
sondern im Sinn von Würde, Integrität und dem Mut, ein guter Mensch zu sein,
auch wenn niemand zuschaut.


Sexpositive Verantwortung Männer – warum sie der Kern unserer Community ist

Viele von uns kommen in die sexpositive Community,
weil sie Offenheit suchen, Freiheit, Sinnlichkeit, Begegnung.
Vielleicht auch, weil wir hoffen, dort Menschen zu treffen,
die Körperlichkeit und Nähe so leben wie wir selbst.

Doch diese Räume sind zerbrechlich.
Sie existieren nicht einfach –
sie werden getragen.
Von der Sensibilität, dem Bewusstsein und der Verantwortung aller Beteiligten.

Und hier möchte ich etwas sehr klar sagen:

Wer sich in diesem neuen Raum danebenbenimmt, zerstört ihn.
Und zerstört damit genau die Chance, weswegen er überhaupt gekommen ist.

Das ist kein moralischer Zeigefinger –
das ist eine Tatsache menschlicher Systeme:
Räume der Freiheit können nur bestehen,
wenn Menschen darin verantwortungsvoll handeln.


Verantwortung ist keine Strafe – sie ist eine Form von Ehre

Verantwortung klingt für manche nach „mehr Arbeit“.
Nach Einschränkung.
Nach Selbstzensur.

Aber das ist ein Irrtum.

Verantwortung ist nichts anderes als der Akt, ein guter Mensch zu sein.

Ein Mensch, der zuhört.
Ein Mensch, der andere wahrnimmt.
Ein Mensch, der sich selbst nicht zum Zentrum aller Bedürfnisse macht.

Eine vertiefende Erklärung der Grundlagen findest du hier in unserem Artikel über Konsent und Consent-Kultur:
https://sexpositiv-community.de/konsent

Und genau dadurch entsteht ein Raum,
in dem wir – Männer, Frauen, nichtbinäre Menschen –
uns wirklich frei begegnen können.

Freiheit ohne Verantwortung ist keine Freiheit.
Es ist Chaos.
Es ist Egoismus.
Und es zerstört alles, was wir uns erhoffen.

Verantwortung dagegen ist Würde.
Sie ist Haltung.
Sie ist Ehre.


Wenn alte Muster neue Räume vergiften

Viele Männer – ich früher auch – kommen aus digitalen Umgebungen wie Joyclub, Tinder und anderen Plattformen,
in denen es kaum um echte Begegnung geht,
sondern um Algorithmen, die männliches Begehren monetarisieren.

Ein sehr kraftvoller Impuls dazu kommt von Justin Baldoni, der in seinem TED Talk darüber spricht, warum wir Männer lernen müssen, Verantwortung, Verletzlichkeit und echte Menschlichkeit zu verkörpern:
https://www.ted.com/talks/justin_baldoni_why_i_m_done_trying_to_be_man_enough

Dort sind wir konditioniert worden auf:

  • viel Schreiben
  • wenig Antwort
  • kaum Feedback
  • und der Illusion, man müsse „nur hartnäckig genug sein“

Diese Muster sind abgenutzt, leer und dysfunktional.
Sie bringen Frauen dazu, ihre Nachrichtenfunktionen auszuschalten.
Sie bringen Männer dazu, Kettenmails zu verschicken.
Sie erzeugen Frust auf allen Seiten.

Und wenn wir diese Muster ungefiltert in sexpositive Räume tragen, dann:

  • verlieren Frauen den Mut, sich zu zeigen
  • verlieren nichtbinäre Menschen das Sicherheitsgefühl
  • verlieren Männer die Möglichkeit echter Begegnung
  • verliert die Community ihre Basis

Wir ruinieren damit den Raum für alle
auch für uns selbst.


Ein neuer Raum verlangt neue Haltung

In sexpositiven Räumen gilt eine andere Kultur.
Eine Kultur, die nicht sagt:
„Hol dir, was du willst, Hauptsache du fragst nett.“

Sondern eine Kultur, die fragt:

„Wie kann ich mich so verhalten,
dass andere Menschen sich sicher fühlen,
um überhaupt Nähe zuzulassen?“

In unserem monatlichen Exploratorium-Treffen üben wir genau dieses Zuhören: Kein Rededruck, sondern wahrnehmen, innehalten, Raum geben. Mehr Infos findest du hier:
https://sexpositiv-stuttgart.de/exploratorium/

Denn warum sollte ein Mensch sich öffnen,
wenn die Erfahrung zeigt,
dass die eigenen Bedürfnisse (idealerweise) zwar gehört,
aber nicht respektiert werden?

Würde ich es tun?
Würdest du es tun?


Der Ruf nach Verantwortung ist ein Ruf nach Menschlichkeit

Ich wünsche mir, dass wir Männer Verantwortung nicht als Bürde sehen,
sondern als Chance,
als Weg,
als Form der inneren Haltung:

  • das eigene Verhalten zu reflektieren
  • Fehler einzugestehen
  • sich zu entschuldigen, ohne zu rechtfertigen
  • Grenzen zu respektieren
  • Worte bewusst zu wählen
  • zuzuhören, ohne zu verteidigen
  • nicht zu senden, wenn noch keine Verbindung besteht

Das ist keine Überforderung.
Es ist die richtige Größe.
Es ist das Erwachsenwerden im emotionalen Sinn.
Es ist der echte Mut.


Fehlerkultur und sexpositive Verantwortung

Das Entscheidende ist nicht, alles richtig zu machen.
Das Entscheidende ist:

Wie reagieren wir, wenn wir etwas falsch gemacht haben?

Wer:

  • abstreitet
  • angreift
  • sich rausredet
  • andere abwertet
  • sich zum Opfer macht
  • oder sich für nichts zuständig fühlt

der verweigert seine Verantwortung.

Und verweigert damit auch die Ehre,
ein Mensch zu sein,
der bewusst wirkt.


„Unsere Schwestern“ – ein Spiegel, den wir nicht wegdrehen sollten

Der Song „Unsere Schwestern“ von TRiPKiD hält uns Männern einen Spiegel vor.
Keinen harten, keinen strafenden –
einen ehrlichen.

„Acht Millionen Einzelfälle später
Jeder kennt ein Opfer, keiner kennt nen Täter…
Wir sind mehr als nur die Söhne unserer Väter.“

Das offizielle Musikvideo findest du hier – und ich empfehle dir, es wirklich bewusst anzuhören:
https://www.youtube.com/watch?v=KnKFcD5aAtk

Dieser Song fordert uns nicht an,
uns schlecht zu fühlen –
er fordert uns auf,
besser zu sein.

Nicht perfekt.
Besser.

Mehr Mensch.
Mehr Zuhören.
Mehr Herz.
Mehr Verantwortung.


Mein Ruf an uns Männer

Ich rufe uns Männer dazu auf –
mit Nachdruck,
mit Liebe,
mit Klarheit:

Übernehmt eure 100% Verantwortung.
Nicht 50%,
nicht 80%,
nicht erst „wenn die Stimmung gut ist“.

Übernehmt eure Verantwortung,
weil sie die Grundlage dafür ist,
dass sexpositive Räume existieren können.

Übernehmt sie,
weil sie euch ermöglicht,
das zu erleben,
weswegen ihr überhaupt hierhergekommen seid:
echte Nähe, echte Begegnung, echte Freiheit.

Wenn wir uns auf sexpositive Verantwortung als Männer einlassen, schaffen wir die Grundlage für echte Verbindung und Vertrauen.

Und übernehmt sie,
weil es ein Akt der Ehre ist,
einfach ein guter Mensch zu sein.

Newsletter und Events per Mail

Maximal 4 Mails im Monat – etwa eine pro Woche, versprochen!

Autor*in

Ingo

Ich bin Ingo (er/ihm) und Initiator der 6+ Community in Stuttgart. Die Idee dazu entstand aus meinen eigenen Erfahrungen: In Berlin habe ich sexpositive Räume kennengelernt, in denen Menschen auf selbstbewusste, raumbewusste und respektvolle Weise miteinander umgingen. Besonders beeindruckt hat mich, wie leicht und selbstverständlich dort Grenzen kommuniziert und akzeptiert wurden – ein „Nein“ war kein Bruch, sondern Teil eines ehrlichen, achtsamen Miteinanders. Diese Atmosphäre war für mich gleichzeitig leicht, verbindend und sicher. Was ich hier teile, hat keinen wissenschaftlichen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Ich schreibe aus meinem Erleben, nicht mit dem Anspruch, alle Perspektiven oder systematischen Zusammenhänge vollständig durchdrungen zu haben. Mir ist bewusst, dass persönliche Erfahrungen nicht gleichzusetzen sind mit statistischer Evidenz oder universellen Wahrheiten – und trotzdem sind sie echt. Auch dann, wenn sie scheinbar im Widerspruch zu wissenschaftlichen Aussagen stehen. Meine Legasthenie ist ein Teil meiner Lebensrealität. In einer Welt, die stark auf Lesen und Schreiben baut, war das oft eine Herausforderung. Mit der Zeit habe ich jedoch gelernt, dies nicht als Makel zu sehen, sondern als Einladung, eigene Wege zu finden. Heute nutze ich Tools wie ChatGPT, um meinen Gedanken Ausdruck zu geben. Das ist für mich keine Schwäche, sondern ein Beispiel dafür, wie wir mit Kreativität und Offenheit aus unseren Bedingungen das Beste machen können. Und genau darin steckt für mich eine wichtige Verbindung: Wir alle haben Stärken und Schwächen. Diese bei uns selbst wie auch bei anderen anzuerkennen, ist ein zentraler Teil sexpositiver Kultur. Unterschiedlichkeit ist kein Mangel, sondern ein Schatz, den wir erst noch zu heben lernen. Achtsamkeit, Awareness und Diversität sind dabei keine Randthemen, sondern Grundlage dafür, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich zeigen dürfen, wie sie sind. Meine Vision für die sexpositive Community ist deshalb kein fertiges Konzept, sondern ein lebendiger Prozess. Inspiriert von einem feministischen, menschenfreundlichen Verständnis von Sexualität – bewusst, einvernehmlich, reflektiert. Für mich bedeutet das nicht nur Freiheit, sondern auch Verantwortung: für sich selbst, füreinander und für die Räume, die wir gemeinsam gestalten.

Mehr Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Exploratorium Anmeldung

Noch nicht eingeloggt?

Melde dich an, um Community-Punkte zu sammeln und deine Buchungen in deinem Account zu speichern.

Wenn du als Gast buchst, werden keine Community-Punkte gesammelt.

Noch keinen Account? .