Die Ausgangsfrage: Wer findet in sexpositive Räume?
In Gesprächen über sexpositive oder kinky Communitys taucht immer wieder eine bestimmte Beobachtung auf: Männer finden vergleichsweise leicht Zugang zu entsprechenden Angeboten, während die Gewinnung von Frauen als deutlich schwerer beschrieben wird. Insbesondere bei Veranstaltungen, die auf ein annähernd ausgeglichenes Geschlechterverhältnis ausgerichtet sind, verdichtet sich diese Beobachtung regelmäßig zur Frage: Wie lassen sich mehr Frauen für solche Events gewinnen?
Bereits diese Fragestellung ist jedoch nicht unproblematisch. Denn sie ist keineswegs neutral, sondern verweist auf eine spezifische Struktur von Erwartungen. Implizit wird Frauen damit nicht selten die Funktion zugeschrieben, durch ihre Teilnahme ein soziales oder erotisches Gleichgewicht herzustellen. Die Frage ist dann nicht mehr nur, ob Frauen selbst Interesse an einem Event haben, sondern ob sie bereit sind, durch ihre Anwesenheit ein Format zu stabilisieren, das andernfalls von einem deutlichen Männerüberschuss geprägt wäre. Gerade in Kontexten, in denen sexuelles Begehren mit im Raum ist, ist ein solcher Männerüberschuss jedoch selten neutral. Er erzeugt häufig ein erhöhtes Maß an Konkurrenz, Beobachtung, Anspannung und implizitem Leistungsdruck. Und damit eine Atmosphäre, die für viele Beteiligte belastend sein kann. Das gilt nicht nur für Frauen, die sich in solchen Konstellationen verstärkt adressiert, beobachtet oder in eine regulierende Rolle gedrängt fühlen können. Auch viele Männer erleben solche Situationen nicht als entlastend, sondern als angespannt, weil der soziale Raum stärker von Konkurrenz um Aufmerksamkeit, Anerkennung und erotische Resonanz geprägt wird.
Diese Dynamik ist nicht bloß individuell zu verstehen, sondern verweist auch auf vergeschlechtlichte Sozialisationsmuster. In patriarchal geprägten Ordnungen wird Männlichkeit noch immer vielfach über Durchsetzung, Konkurrenzfähigkeit, Statusbehauptung und den Anspruch auf Zugang (vor allem zu weiblicher Aufmerksamkeit, Nähe und Sexualität) gedacht. Wo solche Muster in Gruppen wirksam werden, kann ein sozialer Sog entstehen, in dem Dominanzverhalten, Rivalität und die Vorstellung des „Eroberns“ des anderen Geschlechts Spannungen zusätzlich verschärfen. Weibliche Teilnahme erscheint dann nicht ausschließlich als Ausdruck eigenen Begehrens, sondern mitunter auch als Mittel zur Regulation einer Konstellation, deren Spannungen wesentlich durch diese Geschlechterdynamiken mit hervorgebracht werden.
Weibliche Präsenz als Form von Care-Arbeit
An diesem Punkt muss ich oft unweigerlich an den Begriff der Care Arbeit denken. Üblicherweise bezeichnet er Tätigkeiten des Sich-Kümmerns, der emotionalen Begleitung und der sozialen Reproduktionsarbeit, die gesellschaftlich häufig entwertet, privatisiert und überproportional Frauen zugeschrieben werden. Überträgt man diese Perspektive auf Event-Kontexte, wird sichtbar, dass weibliche Präsenz dort nicht selten implizit mit der Erwartung verknüpft ist, Bedürfnisse mit auszubalancieren, soziale Spannungen abzufedern und atmosphärische Stabilität mit herzustellen. Das bedeutet nicht, dass dies offen eingefordert wird. Gerade die subtile und oft unausgesprochene Form dieser Erwartung macht ihre Wirksamkeit aus.
Der blinde Fleck der Event-Perspektive
Die Schwierigkeit besteht darin, dass kinky und auch sexpositive Veranstaltungen häufig als isolierte Räume betrachtet werden. Innerhalb dieser Räume ist in vielen Fällen tatsächlich eine beträchtliche Sensibilität für Fragen von Sicherheit, Konsens und Grenzachtung vorhanden. Konsensschulungen, Awareness-Teams, Ruheräume, transparente Regeln und andere Schutzstrukturen sind wichtige und notwendige Errungenschaften von Communitys wie unserer. Sie zeigen, dass Veranstalterinnen und Veranstalter auf Kritik reagiert und Rahmenbedingungen geschaffen haben, die bewusster, reflektierter und verantwortungsvoller sind als in vielen anderen sozialen Kontexten.
Und dennoch bleibt die Erfahrung bestehen, dass Frauen sich nicht in dem Maße angesprochen fühlen, wie es diese Maßnahmen erwarten ließen. Die Erklärung dafür liegt möglicherweise darin, dass die Ursachen nicht allein innerhalb des Events zu verorten sind. Denn auch wenn ein einzelner Raum sicher und achtsam gestaltet ist, treten Besucherinnen nicht voraussetzungslos in ihn ein. Sie kommen aus sozialen Alltagsverhältnissen, in denen sie häufig bereits in erheblichem Umfang mit Fürsorge, emotionaler Regulation, Organisationsverantwortung und Erwartungsmanagement betraut sind.
Aushandlung wirkt nicht immer befreiend
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob sexpositive Räume für Frauen tatsächlich als Entlastung erfahrbar werden, oder ob sie nicht vielmehr an bereits bestehende Anforderungen anschließen. Denn selbst unter guten Bedingungen kann ein Setting, das fortlaufende Grenzkommunikation, soziale Einordnung, Reaktionsbereitschaft und das Management von Annäherungsversuchen erfordert, subjektiv als anstrengend erlebt werden. Die Kompetenz, Bedürfnisse zu kommunizieren, Grenzen zu benennen und Interaktionen auszuhandeln, ist zweifellos wertvoll. Zugleich darf jedoch nicht übersehen werden, dass gerade diese Aushandlungsprozesse Aufmerksamkeit binden. Sie verschieben das Erleben vom unmittelbaren Spüren auf körperlicher hin zur permanenten sozialen Navigation im Außen.
Konsens und die Frage nach den Kosten eines Neins
An dieser Stelle gewinnt auch eine differenziertere Perspektive auf den Begriff des Konsenses an Bedeutung. Formale Zustimmung oder Ablehnung allein erfassen nicht vollständig, unter welchen Bedingungen Entscheidungen tatsächlich frei (im Sinne von FRIES) getroffen werden. Entscheidend ist auch, welche sozialen und emotionalen Kosten mit einem Nein verbunden sind. Wenn ein Nein nicht nur eine Grenze markiert, sondern zugleich weitere Arbeit erzeugt – etwa durch Rechtfertigungsdruck, die Notwendigkeit zur Deeskalation oder die implizite Verantwortung, Enttäuschung emotional aufzufangen –, dann ist die Situation zwar formal konsensuell, aber nicht notwendigerweise frei von strukturellem Druck. Die Frage lautet daher nicht nur, ob ein Nein möglich ist, sondern auch, zu welchem Preis es geäußert werden kann.
Was Frauen brauchen, liegt oft außerhalb des sexuellen Settings
Diese Beobachtung verweist auf einen grundlegenden blinden Fleck vieler Debatten darüber, was Frauen in sexpositiven Kontexten „brauchen“. Häufig wird diese Frage weiterhin innerhalb eines sexuellen Bezugsrahmens verhandelt: Welche Bedingungen fördern Lust? Welche Strukturen vor Ort ermöglichen Offenheit, Experimentierfreude oder Hingabe? So berechtigt diese Fragen sind, so unzureichend bleiben sie, wenn sie die materiellen und sozialen Voraussetzungen von Begehren ausblenden.
Denn die Antwort auf die Frage, was eine Frau braucht, um überhaupt Zugang zu Lust, Selbstwahrnehmung oder sexueller Neugier zu finden, muss nicht zwingend selbst sexuell codiert sein. Sie kann sehr viel elementarer ausfallen: verlässliche Entlastung im Alltag, Zeit ohne Verantwortungsdruck, Rückzugsräume ohne Unterbrechung, die Abwesenheit ständiger Ansprüche. Mit anderen Worten: Nicht selten liegt die Voraussetzung für sexuelles Begehren gerade außerhalb des sexuellen Settings.
Geschlechterrollen als Voraussetzung des Problems
Das ist insofern aufschlussreich, als es die Perspektive verschiebt. Wenn Frauen in Beziehungen, Familien, Arbeitszusammenhängen und ehrenamtlichen Strukturen überproportional häufig mit emotionaler und organisatorischer Arbeit bzw. Care Arbeit betraut sind, dann erscheint es wenig überraschend, dass ein weiterer Raum, in dem erneut Bedürfnisse wahrgenommen, Grenzen moderiert und Interaktionen gesteuert werden müssen, nicht automatisch als befreiend erlebt wird. Selbst ein wohlmeinender, progressiver und explizit konsensorientierter Kontext kann dann subjektiv an dieselben Muster anschließen, die bereits den Alltag prägen und nicht selten für Erschöpfung sorgen.
Kompetenz ersetzt nicht das Bedürfnis nach Ruhe
Daraus folgt nicht, dass sexpositive Räume grundsätzlich ungeeignet oder wertlos wären. Im Gegenteil: Sie können wichtige Erfahrungs-, Lern- und Emanzipationsräume darstellen. Viele Menschen erwerben dort Kompetenzen, die andernorts kaum systematisch vermittelt werden – etwa im Bereich von Grenzkommunikation, Körperwahrnehmung, Konsens und selbstbestimmter Sexualität. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass die Fähigkeit zur Aushandlung nicht automatisch mit dem Wunsch identisch ist, permanent auszuhandeln. Auch dort, wo Frauen gelernt haben, sich klar zu positionieren, kann das Bedürfnis bestehen, gerade nicht schon wieder in einer regulierenden, reflektierenden und responsiven Rolle zu sein.
Die eigentliche Frage
Vor diesem Hintergrund greift die Frage „Wie bekommen wir Frauen aufs Event?“ zu kurz. Denn sie behandelt ein strukturelles Problem, als ließe es sich durch bessere Ansprache oder höhere Beteiligung lösen. Tatsächlich stellt sich jedoch eine grundlegendere Frage: Wie können Räume entstehen, in denen Frauen nicht schon wieder Erwartungen managen, Bedürfnisse regulieren und soziale Spannungen mittragen müssen?
Gemeint sind Räume, in denen Frauen nicht implizit dafür zuständig sind, soziale Stimmungen mitzutragen, Bedürfnisse anderer emotional abzufedern oder durch ihre Präsenz das Funktionieren eines Formats sicherzustellen. Räume, in denen Rückzug, Desinteresse, Abgrenzung und Nicht-Verfügbarkeit nicht als Irritation erscheinen, sondern als legitime Formen von Autonomie. Räume also, in denen ein Nein keine Folgekosten erzeugt und in denen Selbstorientierung nicht als Mangel an Beziehungsfähigkeit gelesen wird.
Ein Raum, in dem niemand etwas will
Vielleicht liegt genau hier ein zentraler Maßstab für tatsächliche sexuelle und soziale Befreiung. Nicht in der Optimierung bestehender Eventformate allein, sondern in der Bereitschaft, jene alltäglichen Geschlechterdynamiken mitzudenken, die Begehren überhaupt erst ermöglichen oder blockieren. Bevor Frauen Lust auf sexpositive Räume entwickeln, benötigen sie womöglich zunächst etwas Grundsätzlicheres: einen Raum, in dem sie für niemanden zuständig sind.
3 Kommentare
Warum ist das alles so komplex? Warum machen wir einander nicht einfach Angebote, die dann angenommen oder abgelehnt werden können?
Warum wird von Männern einerseits immer noch überwiegend erwartet, dass sie den ersten Schritt tun und sich somit verletzlich machen, weil sie nicht nur Zustimmung, sondern auch Ablehnung erfahren können? Und andererseits beklagen Frauen, dass sie den lästigen Avancen der Männer ausgesetzt sind?
Was genau ist denn lästig?
Ist es die „creepiness“, dass der Mann nicht direkt sagt, was er denkt, sondern aus Angst vor Ablehnung oder „me too“ Anklage eher verbal anschleicht als Klartext zu sprechen? Annäherungsversuche mit Ambivalenz stelle ich mir anstrengend vor.
Ist es nicht anstrengend, dass sie aufwändig interpretieren muss, was der Mann denn nun wirklich will?
Hilfreich finde ich, wenn beide Geschlechter und alle dazwischen lernen, einander respektvolle Angebote zu machen. Je echter die Angebote, desto ehrlicher und unmittelbarer die Antwort, die dann zu akzeptieren ist.
Und noch ein Aspekt: Ich glaube anstrengend ist für beide Seiten auch Bedürftigkeit. Bedürftige ziehen häufig Bedürftige an. Insbesondere unbewusste Bedürftigkeit erzeugt anstrengende Dynamiken. Der bedürftige Mann will etwas von der Frau. Die ebenso bedürftige Frau fühlt sich zuständig für seine Rettung, ist aber gleichzeitig erschöpft, denn sie hat auch Bedürfnisse , z.B. nach Nähe, Geborgenheit, Angenommensein, Begehrtwerden… In ihrer Bedürftigkeit nimmt sie das Angebot eines bedürftigen Mannes an und ist am Ende enttäuscht, dass sie nicht genährt wurde, sondern zur Bedürfnisbefriedigung benutzt wurde. Also steigt sie enttäuscht aus und der ebenso ungenährte Mann ist auch unzufrieden.
Aus meiner Sicht hilft da nur, dass jeder sich seiner Bedürfnisse und Bedürftigkeit durch Übung zunehmend bewusst ist und möglichst ohne Rettungsmission für das Gegenüber unterwegs ist. Jeder ist selbst dafür zuständig, sich um sich zu kümmern und nährende, heilende Prozesse im Leben anzustoßen. Dann kann aus der bedürftigen Dynamik eine entspannte und freudvolle Begegnung werden. Das ist ein Weg, der niemals endet. Menschlich. Aber die Investition in diese Übung der Selbstwahrnehmung lohnt sich in meiner Erfahrung.
Schon die erste Frage (warum ist das alles so komplex?) würde eine sehr umfangreiche Antwort erfordern. Ich kann den Wunsch nach Einfachheit gut nachvollziehen. Gleichzeitig bin ich der Auffassung, dass menschliche Begegnungen grundsätzlich komplex sind und mit zunehmender Dauer eher an Komplexität gewinnen als verlieren. Wenn wir versuchen, soziale Realität ernst zu nehmen, kommen wir nicht darum herum, diese Komplexität anzuerkennen und Formen von Kompetenz zu entwickeln, die es uns ermöglichen, mit ihr umzugehen. Dazu gehört auch die Fähigkeit, Ambivalenz, Unsicherheit und Mehrdeutigkeit auszuhalten.
Daneben sprichst du davon, dass Frauen männliche Annäherungsversuche als lästig oder „creepy“ erleben. Diese Zuschreibungen finde ich in meinem Text in dieser Form nicht wieder. Deshalb kann ich auf die Frage „Was genau ist denn lästig?“ und viele deiner weiteren Fragen nicht wirklich inhaltlich eingehen. In meinem Artikel habe ich mein eigenes inneres Erleben in bestimmten sozialen Situationen auf kinky Events beschrieben und mir die These erlaubt, dass dieses Erleben vielen anderen Frauen vertraut ist.
Interessant finde ich jedoch deinen Vorschlag, Begegnungen stärker als Angebote zu verstehen: Menschen machen einander Angebote, diese werden angenommen oder abgelehnt, und beide Seiten respektieren die jeweilige Antwort. Diese Vorstellung hat etwas sehr Attraktives, weil sie Klarheit und Gegenseitigkeit verspricht.
In der sozialen Praxis bewegen wir uns allerdings selten in einem derart neutralen Raum. Angebote entstehen nicht unabhängig von ihrem Kontext. Sie sind eingebettet in soziale Erwartungen, Geschlechterrollen, Machtverhältnisse, individuelle Erfahrungen und situative Dynamiken. Für viele Frauen bedeutet ein „Angebot“ daher nicht nur die Frage, ob sie dieses Angebot möchten, sondern gleichzeitig auch eine Reihe weiterer Einschätzungen: Wie sicher ist diese Situation? Welche Konsequenzen kann ein Nein haben? Wie wird mein Nein interpretiert? Diese zusätzlichen Ebenen sind Teil der sozialen Realität, in der Begegnungen stattfinden, und sie tragen wesentlich zu der Komplexität bei, auf die du dich beziehst.
Du sprichst außerdem einen Aspekt an, den ich sehr spannend finde: Bedürftigkeit.
Hier würde ich gerne differenzieren. Bedürfnisse zu haben ist eine grundlegende menschliche Eigenschaft. Der Wunsch nach Nähe, Resonanz, Anerkennung oder Begehren gehört zu den elementaren Dimensionen menschlicher Sozialität. Problematisch wird es nicht dort, wo Bedürfnisse existieren, sondern eher dort, wo sie unbewusst bleiben oder wo Begegnungen primär aus einem Gefühl inneren Mangels heraus organisiert werden.
In solchen Konstellationen kann sich eine Dynamik entwickeln, in der der andere Mensch weniger als eigenständiges Gegenüber wahrgenommen wird, sondern stärker als potenzielle Ressource zur Regulation eigener innerer Zustände. Begegnung wird dann (oft implizit) zu einem Versuch der Bedürfnisregulation: Der andere soll etwas herstellen oder stabilisieren, was innerlich als defizitär erlebt wird.
Gerade in erotischen oder sexuellen Kontexten wird diese Dynamik häufig besonders sichtbar. Wenn Begehren stark aus einem Gefühl von Mangel oder Dringlichkeit entsteht, kann dies eine gewisse Erwartungshaltung erzeugen, die für das Gegenüber spürbar wird. Auch wenn sie nicht ausdrücklich formuliert ist. Diese implizite Erwartung kann für andere Menschen belastend sein, weil sie eine subtile Form von Verantwortung erzeugt: für die Hoffnung, die Enttäuschung oder das emotionale Gleichgewicht des Gegenübers.
Begegnungen können sich häufig freier anfühlen, wenn Menschen ihre eigenen Bedürfnisse zwar wahrnehmen und ernst nehmen, sie jedoch nicht unmittelbar über den anderen regulieren müssen. In solchen Momenten kann ein Angebot tatsächlich stärker den Charakter eines Angebots behalten und wird weniger zu einem verdeckten Versuch, eine innere Leerstelle zu schließen.
In diesem Sinne halte ich Selbstwahrnehmung und Selbstverantwortung tatsächlich für zentrale Kompetenzen. Sich der eigenen Bedürfnisse bewusst zu werden, sie zu halten, ohne sie sofort im Außen auflösen zu müssen, und gleichzeitig offen für Begegnung zu bleiben, ist eine Praxis.
einen Raum in dem Frauen für niemanden zuständig sind?
ich glaube schon zu verstehen, worauf Du mit Deiner Argumentation hinaus willst.
Sie ähnelt der vieler Paar- und Sexualtherapeuten, und nicht zuletzt auch der vieler Frauen, die beklagen, dass Haushalt, Beziehungs- und Familienpflege an ihnen hängen bleiben, und sie deshalb keine Lust mehr auf ihre Partner verspüren.
ich will und werd das auch nicht kleinreden, weil‘s im Großen und Ganzen immer noch so ist, auch wenn die wachsenden Ausnahmen bereits neue Regeln aufstellen (die sich allerdings widersprüchlich zu anderen verhalten).
Aber erklären sich daraus wirklich die Schwierigkeiten weiblichen Lustempfindens?
Und überhaupt: wer hat oder leidet eigentlich an diesen Schwierigkeiten?
Die betroffenen Frauen? Die Männer, die es dann mit betrifft? Die Veranstalter sexpositiver Events? Alle zusammen, jeder für sich, aus ganz eigenen Gründen?
und nicht zuletzt, ausgehend von Deiner Argumentation:
wie gestaltet sich die Wirklichkeit solcher Events?
80% Männer, eher mehr, nicht wenige davon mit gewissen kommunikativen Defiziten. Awareness-Teams als Ordnungsmacht um offene Eskalation zu verhindern, und 20% Frauen, eher weniger, für die das ganze Ding wenig lustvoll ist, sondern emotional belastend?
das klingt offen gestanden alles andere als positiv. hört sich eher nach einem Selbstwertschredder mit der Option auf Gewalterfahrung an.
zuletzt: ich ginge sofort mit Dir d‘accord, wenn es um ein neues Verständnis von Verantwortung und Zuständigkeiten von Emotionen und Bedürfnissen geht, aber ein Raum ohne Zuständigkeit?
also einen Raum in dem niemand etwas will, den kann ich mir befristet vorstellen. Ich nenn das Meditation. Das Fließen von Gedanken (die Identität und Anhaftung herstellen) bremsen und anhalten und wach dabei bleiben. Freude ohne Anlass (Ananda).
aber ich komme auch nicht umhin, mich Watzlawicks Gedanken anzuschließen, dass man nicht nicht kommunizieren kann.
ich trage Verantwortung. ich trage sie für mich indem ich das was mir widerfährt und begegnet zu einer Selbstentscheidung darüber mache, wer ich sein und wie ich was auffassen möchte. und überhaupt kann! vgl. Reiz-Reaktionsketten, semi-bewusste Erwartungen und beschissene Erfahrungen, Erziehung, Sozialisation…
und das Ganze in einem permanenten Prozess mit meiner Umwelt, in der ich zwar nicht für alles verantwortlich aber als handelnder Beobachter für alles zuständig. Für alles was irgendwie in meiner Macht steht. Ob‘s darum geht einen sicheren Raum zu erschaffen, einem Menschen in emotionaler Not und Bedrängnis dabei zu unterstützen von Hochfrequenz wieder in einen Zustand von Mitte zu kommen, Handlungsfähigkeit, positive Selbstwirksamkeit.
aus Mitgefühl handeln. Verbundenheit leben.
Das was ich als den Raum ohne Zuständigkeit wahrnehme, das ist der in dem Leid geschieht und niemanden interessiert‘s, weil:
„ist doch nicht mein Problem. selbst schuld.“
Vielleicht ist es auch so, dass Frauen und Männer mehr Mitte brauchen, und eine gemeinsame Erfahrung positiver Selbstwirksamkeit.
evtl. auch mehr positive Vision und positive Vorbilder und weniger akademische Diskussion darüber wer und wessen und welche Schuld daran trägt, dass dieses oder jenes nicht funktioniert und inwieweit sich das anhand mehr oder weniger beleg- und sichtbarer Verhältnisse zeigt.
Wege & Gründe
und ich selbst komme in meinen Überlegungen immer wieder an den Punkt, wo ich wirklich nur diese zwei Optionen sehe: go for it – oder – Begründe warum es nicht funktioniert. und such nach jemandem der dafür verantwortlich ist und es bitteschön wieder gut machen soll.