Ein Ruf an uns Männer – Verantwortung als Grundlage sexpositiver Räume
Gedanken aus männlicher, männlich sozialisierter Perspektive
Ich richte diesen Beitrag bewusst an Männer – also an Menschen, die männlich sozialisiert wurden –, nicht weil nur sie Verantwortung tragen, sondern weil sexpositive Verantwortung von uns allen gelebt werden muss. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass gerade männliche Sozialisation bestimmte Muster mit sich bringt, die wir aktiv reflektieren müssen, damit unsere Räume sicher, frei und respektvoll bleiben.
Wer neu in der Szene ist, findet hier eine Einführung, was sexpositive Kultur eigentlich bedeutet:
Was ist Sexpositivität
Ich lade uns ein, in die Verantwortung hineinzuwachsen, die wir tragen.
Nicht, weil wir schuldig sind,
nicht, weil wir schlechter sind,
sondern weil wir – wie alle anderen Menschen auch – die Fähigkeit haben, Gutes zu tun, Räume zu halten und ein Stück Ehre in unser Handeln zu legen.
Ja, ich meine tatsächlich Ehre.
Nicht im alten, patriarchalen Sinn,
sondern im Sinn von Würde, Integrität und dem Mut, ein guter Mensch zu sein,
auch wenn niemand zuschaut.
Sexpositive Verantwortung Männer – warum sie der Kern unserer Community ist
Viele von uns kommen in die sexpositive Community,
weil sie Offenheit suchen, Freiheit, Sinnlichkeit, Begegnung.
Vielleicht auch, weil wir hoffen, dort Menschen zu treffen,
die Körperlichkeit und Nähe so leben wie wir selbst.
Doch diese Räume sind zerbrechlich.
Sie existieren nicht einfach –
sie werden getragen.
Von der Sensibilität, dem Bewusstsein und der Verantwortung aller Beteiligten.
Und hier möchte ich etwas sehr klar sagen:
Wer sich in diesem neuen Raum danebenbenimmt, zerstört ihn.
Und zerstört damit genau die Chance, weswegen er überhaupt gekommen ist.
Das ist kein moralischer Zeigefinger –
das ist eine Tatsache menschlicher Systeme:
Räume der Freiheit können nur bestehen,
wenn Menschen darin verantwortungsvoll handeln.
Verantwortung ist keine Strafe – sie ist eine Form von Ehre
Verantwortung klingt für manche nach „mehr Arbeit“.
Nach Einschränkung.
Nach Selbstzensur.
Aber das ist ein Irrtum.
Verantwortung ist nichts anderes als der Akt, ein guter Mensch zu sein.
Ein Mensch, der zuhört.
Ein Mensch, der andere wahrnimmt.
Ein Mensch, der sich selbst nicht zum Zentrum aller Bedürfnisse macht.
Eine vertiefende Erklärung der Grundlagen findest du hier in unserem Artikel über Konsent und Consent-Kultur:
https://sexpositiv-community.de/konsent
Und genau dadurch entsteht ein Raum,
in dem wir – Männer, Frauen, nichtbinäre Menschen –
uns wirklich frei begegnen können.
Freiheit ohne Verantwortung ist keine Freiheit.
Es ist Chaos.
Es ist Egoismus.
Und es zerstört alles, was wir uns erhoffen.
Verantwortung dagegen ist Würde.
Sie ist Haltung.
Sie ist Ehre.
Wenn alte Muster neue Räume vergiften
Viele Männer – ich früher auch – kommen aus digitalen Umgebungen wie Joyclub, Tinder und anderen Plattformen,
in denen es kaum um echte Begegnung geht,
sondern um Algorithmen, die männliches Begehren monetarisieren.
Ein sehr kraftvoller Impuls dazu kommt von Justin Baldoni, der in seinem TED Talk darüber spricht, warum wir Männer lernen müssen, Verantwortung, Verletzlichkeit und echte Menschlichkeit zu verkörpern:
https://www.ted.com/talks/justin_baldoni_why_i_m_done_trying_to_be_man_enough
Dort sind wir konditioniert worden auf:
- viel Schreiben
- wenig Antwort
- kaum Feedback
- und der Illusion, man müsse „nur hartnäckig genug sein“
Diese Muster sind abgenutzt, leer und dysfunktional.
Sie bringen Frauen dazu, ihre Nachrichtenfunktionen auszuschalten.
Sie bringen Männer dazu, Kettenmails zu verschicken.
Sie erzeugen Frust auf allen Seiten.
Und wenn wir diese Muster ungefiltert in sexpositive Räume tragen, dann:
- verlieren Frauen den Mut, sich zu zeigen
- verlieren nichtbinäre Menschen das Sicherheitsgefühl
- verlieren Männer die Möglichkeit echter Begegnung
- verliert die Community ihre Basis
Wir ruinieren damit den Raum für alle –
auch für uns selbst.
Ein neuer Raum verlangt neue Haltung
In sexpositiven Räumen gilt eine andere Kultur.
Eine Kultur, die nicht sagt:
„Hol dir, was du willst, Hauptsache du fragst nett.“
Sondern eine Kultur, die fragt:
„Wie kann ich mich so verhalten,
dass andere Menschen sich sicher fühlen,
um überhaupt Nähe zuzulassen?“
In unserem monatlichen Exploratorium-Treffen üben wir genau dieses Zuhören: Kein Rededruck, sondern wahrnehmen, innehalten, Raum geben. Mehr Infos findest du hier:
https://sexpositiv-stuttgart.de/exploratorium/
Denn warum sollte ein Mensch sich öffnen,
wenn die Erfahrung zeigt,
dass die eigenen Bedürfnisse (idealerweise) zwar gehört,
aber nicht respektiert werden?
Würde ich es tun?
Würdest du es tun?
Der Ruf nach Verantwortung ist ein Ruf nach Menschlichkeit
Ich wünsche mir, dass wir Männer Verantwortung nicht als Bürde sehen,
sondern als Chance,
als Weg,
als Form der inneren Haltung:
- das eigene Verhalten zu reflektieren
- Fehler einzugestehen
- sich zu entschuldigen, ohne zu rechtfertigen
- Grenzen zu respektieren
- Worte bewusst zu wählen
- zuzuhören, ohne zu verteidigen
- nicht zu senden, wenn noch keine Verbindung besteht
Das ist keine Überforderung.
Es ist die richtige Größe.
Es ist das Erwachsenwerden im emotionalen Sinn.
Es ist der echte Mut.
Fehlerkultur und sexpositive Verantwortung
Das Entscheidende ist nicht, alles richtig zu machen.
Das Entscheidende ist:
Wie reagieren wir, wenn wir etwas falsch gemacht haben?
Wer:
- abstreitet
- angreift
- sich rausredet
- andere abwertet
- sich zum Opfer macht
- oder sich für nichts zuständig fühlt
der verweigert seine Verantwortung.
Und verweigert damit auch die Ehre,
ein Mensch zu sein,
der bewusst wirkt.
„Unsere Schwestern“ – ein Spiegel, den wir nicht wegdrehen sollten
Der Song „Unsere Schwestern“ von TRiPKiD hält uns Männern einen Spiegel vor.
Keinen harten, keinen strafenden –
einen ehrlichen.
„Acht Millionen Einzelfälle später
Jeder kennt ein Opfer, keiner kennt nen Täter…
Wir sind mehr als nur die Söhne unserer Väter.“Das offizielle Musikvideo findest du hier – und ich empfehle dir, es wirklich bewusst anzuhören:
https://www.youtube.com/watch?v=KnKFcD5aAtk
Dieser Song fordert uns nicht an,
uns schlecht zu fühlen –
er fordert uns auf,
besser zu sein.
Nicht perfekt.
Besser.
Mehr Mensch.
Mehr Zuhören.
Mehr Herz.
Mehr Verantwortung.
Mein Ruf an uns Männer
Ich rufe uns Männer dazu auf –
mit Nachdruck,
mit Liebe,
mit Klarheit:
Übernehmt eure 100% Verantwortung.
Nicht 50%,
nicht 80%,
nicht erst „wenn die Stimmung gut ist“.
Übernehmt eure Verantwortung,
weil sie die Grundlage dafür ist,
dass sexpositive Räume existieren können.
Übernehmt sie,
weil sie euch ermöglicht,
das zu erleben,
weswegen ihr überhaupt hierhergekommen seid:
echte Nähe, echte Begegnung, echte Freiheit.
Wenn wir uns auf sexpositive Verantwortung als Männer einlassen, schaffen wir die Grundlage für echte Verbindung und Vertrauen.
Und übernehmt sie,
weil es ein Akt der Ehre ist,
einfach ein guter Mensch zu sein.
Eine Antwort
es tut richtig gut diese Worte zu lesen und mir gefällt Dein Ansatz sehr, den schwierigen Begriff der Ehre aus der Ecke aggressiver Dominanz wieder zurück zu holen als Haltung die Würde des anderen zu bewahren und Unterstützung anzubieten.
gefühlt, auf jeden Fall mal von mir, geht es hier auch um weitaus mehr als Verantwortung für sexpositive Räume, sondern um Verantwortung in Beziehungen allgemein, vor allem aber um die Verantwortung für das eigene Empfinden.
ob das spezifisch männlich ist? ich glaub‘s eigentlich nicht, aber wenn man anfängt diese Verantwortung für das eigene Empfinden zu übernehmen, spielt das auch nicht mehr so die große Rolle. für mich fühlt es sich mehr nach Erwachsen an, im Sinne eines Prozesses, nicht eines Ergebnisses oder Alters.
für mich selbst war und ist dabei entscheidend Verantwortung nicht als Schuld zu denken, sondern als Chance zu begreifen die eigene und gemeinsame Wirklichkeit aktiv zu gestalten. In Kategorien von Schuld zu denken bringt es mit sich, Menschen in Täter und Opfer aufzuteilen und für erstere Bestrafung zu verlangen und für letztere Solidarität.
und das ist ja auch sehr menschlich. Ist es nicht eine sehr basale Vorstellung von Gerechtigkeit, Tätern Leid zuzufügen und das Leiden der Opfer mit positiver Aufmerksamkeit zu heilen? ein Versuch irgendwie wieder ein Gleichgewicht herzustellen?
Aber wem und was wird diese Gerechtigkeit denn wirklich gerecht?
Und sehr viel wichtiger: heilt diese Art von Gerechtigkeit den entstandenen Schaden und die Verletzungen?
ich denke Nein.
in einer perfekten Welt könnte das funktionieren, aber in einer perfekten Welt käme es zum Einen gar nicht zu Verletzungen und Schädigung, und zum Anderen leben wir einfach nicht in einer perfekten Welt.
und in dieser nicht-perfekten Welt hat das Prinzip von Schuld ein kaum zu bremsendes Potential einen Kreislauf gegenseitiger Verletzungen in Gang zu setzen, aufrecht zu erhalten, und was ich wirklich tragisch finde: das Ganze von einer Generation in die nächste zu vererben, in Form von Ängsten, Vorbehalten, Vorurteilen und dysfunktionalen Rollenbildern.
mit Ergebnissen u.a. wie Du sie beschreibst.
Auf der einen Seite frustrierte Männer, die sich in einem fort als abgelehnt erleben und empfinden, dafür ganz seltsame Erklärungen und Theorien an den Haaren herbei ziehen, und beim Versuch da irgendwie rauszukommen ihr Denken und Handeln ins misogyne Spektrum verschieben (Objektifizierung).
Und auf der anderen Seite frustrierte Frauen, die sich in einem fort als bedrängt und objektifiziert erleben und empfinden, dafür aber gar keine Erklärungen und Theorien brauchen, weil die erlebte Wirklichkeit erdrückend genug ist, und die ihr Denken und Handeln beim Versuch da irgendwie rauszukommen ins misandrische Spektrum verschieben (Objektifizierung).
Dafür dass Männer und Frauen so unterschiedlich sind, sind sie einander unheimlich ähnlich. Und beiden ist gemeinsam, dass sie eigentlich eine ganz tiefe Sehnsucht nach einander haben.
(ich kann‘s jetzt nur als heterosexuelle Dynamik beschreiben, weil ich von homosexuellen Dynamiken zu wenig Ahnung habe, aber ich glaube auf die ein oder andere Art betrifft das auch homo- und bisexuell orientierte Menschen)
Nun… das alles stellt sich aus einer beobachten Perspektive sehr einfach dar (und ist es auch). Aber im First Person View kann es die Hölle sein, weil‘s hier um sehr starke und sehr schmerzhafte Emotionen geht. Bei Frauen aber auch bei Männern.
ich bleib mal bei denen, weil ich auch weitestgehend männlich sozialisiert wurde (von Frauen! und Männern!).
und da war eigentlich niemand der mir sagen oder zeigen konnte, wie ich mit Gefühlen wie abgelehnt zu werden, beschämt zu werden, mit Angst, mit Wut, mit Verzweiflung wirklich gut und konstruktiv umgehen kann. Eigentlich war‘s eher so, dass ich Negativ-Beispiele gesammelt habe, wie ich nicht werden will, aber das erschöpfte sich ja auch in Rollenbildern und Verhalten. und etwas nicht zu tun ist relativ einfach. mach‘s einfach nicht. Schrei nicht rum, pöbel nicht, werde nicht gewalttätig, chauvinistisch, platt oder prollig.
Spoiler-Alarm: es hätte mir ruhig mal jemand erklären dürfen, dass das alles Strategien sind, um der eigenen Hilflosigkeit bezüglich der eigenen Gefühle zu begegnen, dass das eine Methode ist, genau diese Gefühle nicht zu spüren, sondern ins Außen zu verschieben, und sie anderen Menschen oder Umständen anzulasten.
Dieses Daneben-benehmen, Ingo, dass Du dankenswerter Weise so benennst (ich hätt‘s nicht so treffend benennen können): wie können wir es konstruktiv einordnen?
es ist relativ klar, wie man mit jemandem umgehen kann, der sich so benimmt. Man kann‘s ansprechen, man kann jemanden bitten es zu unterlassen, und wenn das nicht hilft, kann man denjenigen auch rauswerfen und ausschließen.
Aber reichen Regeln und Richtlinien aus um diesen ganz besonderen Raum so zu halten und zu sichern, dass jede*r sich eingeladen fühlt, sich zu öffnen, soweit möglich und selbst gewünscht?
An Deinem Appell gefällt mir am meisten, dass Du ihn als Einladung formulierst, in Verantwortung hinein zu wachsen.
Aber was könnte man tun, um Männer darin zu unterstützen, in diese Verantwortung hinein zu wachsen? (Außer sexpositive Meetups anzubieten ;-))
… Das war jetzt recht viel Kommentar, selbst für meine Verhältnisse, und dabei hab ich mich sogar zurück gehalten.
Versteh‘s bitte als Würdigung, Ingo 🙂
Inzwischen dürfte ich fast alle Deine Texte hier gelesen haben und ich bin echt beeindruckt davon, wie und in welche Richtung Du Deine Themen entwickelst.
Das ist so wertvoll!
Danke dafür 🙏🏻