„Safe Space“ ist ein Begriff, der in vielen Communitys längst selbstverständlich wirkt. Gerade in sexpositiven Kontexten wird er häufig als Versprechen verstanden: Hier ist es sicher. Hier kannst du dich zeigen. Hier passiert dir nichts.
Und doch entsteht in proklamierten Safe Spaces manchmal genau die absurde Situation, dass Menschen sich nicht sicher fühlen. Vielleicht fühlen sie sich sogar weniger sicher als erwartet. Das erzeugt Dissonanz: zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was individuell präsent ist.
Dieser Text ist ein Plädoyer für eine präzisere Haltung zu Safe Spaces: Sicherheit ist kein Label. Sie entsteht erst in Beziehung und bleibt eine individuelle Sache.
Definition: Was ist ein Safe Space?
Ein Safe Space ist ein Raum (physisch oder sozial), der durch bewusste Rahmenbedingungen versucht, Belastungen zu reduzieren und Teilhabe zu ermöglichen. Dies insbesondere für Menschen, die in anderen Kontexten häufig Grenzverletzungen, Diskriminierung oder Unsichtbarmachung erleben.
Typische Merkmale sind z. B.:
- klare Regeln zu Konsens, Grenzen, Sprache, Vertraulichkeit
- Moderation/Awareness-Strukturen und transparente Zuständigkeiten
- eine Kultur, in der „Nein“ oder „Stop“ erklärungslos respektiert werden
- das Ziel, Retraumatisierung und soziale Sanktionen möglichst zu vermeiden
Wichtig ist jedoch: Ein Safe Space ist in der Praxis keine Garantie, sondern vielmehr eine Intention und Struktur, die Sicherheit wahrscheinlicher machen soll.
Das Problem mit dem Versprechen von Sicherheit
Ein zentraler Punkt wird oft übersehen: Wir entscheiden nicht darüber, was sich für einen anderen Menschen sicher anfühlt. Nur weil ein Raum für uns sicher wirkt, heißt das nicht, dass er sich für die Person gegenüber sicher anfühlt. Sicherheit ist nicht etwas, das man deklarieren kann. Sie ist etwas, das sich einstellt – oder eben nicht.
Und mehr noch: Was für den einen Körper regulierend und angenehm ist (Nähe, Augenkontakt, tiefe Gespräche, Offenheit), kann für einen anderen bedrohlich wirken (Überforderung, Druck, Freeze, sozialer Stress). Dass unterschiedliche Nervensysteme unterschiedlich reagieren, ist kein Sonderfall, sondern der Normalfall.
Es ist nicht falsch, einen Raum sicher gestalten zu wollen. Problematisch wird es dort, wo Leitung oder Community versprechen, dass er sicher ist.
Denn was passiert, wenn jemand diesen Satz innerlich nicht mitgehen kann?
Dann steht plötzlich nicht nur die eigene Unsicherheit im Raum, sondern auch ein impliziter Vorwurf:
„Wenn es hier so sicher ist, warum fühle ich mich dann unsicher?“
Viele Menschen ziehen daraus den Schluss, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Und genau das reduziert die eigene Sicherheit weiter.
Die paradoxe Verletzlichkeit: „In der Runde sagen, dass ich mich unsicher fühle“
In proklamierten Safe Spaces entsteht manchmal eine zusätzliche Hürde: Wenn Unsicherheit verbalisiert wird (z. B. in einer Vorstellungsrunde), macht man sich damit noch verletzlicher.
Denn häufig greifen dann mehrere Dynamiken gleichzeitig:
- Alle anderen wirken sicher.
Wer Unsicherheit ausspricht, steht scheinbar alleine da und ist sozial exponiert. - Unsicherheit wird gruppendynamisch „schwer“.
Sie stört das „schöne“ kohäsive Gefühl von Gemeinschaft, das gerade entsteht. - Die Aussage kann als Kritik an der Leitung verstanden werden.
„Für mich ist das kein Safe Space“ klingt schnell wie: Ihr macht eure Arbeit nicht gut.
Hier braucht es Reflexion auf Seiten der Leitung, um die individuelle Erfahrung anzuerkennen, ohne in Verteidigung, Beschwichtigung oder Korrektur zu gehen. Und es braucht eine innere Erlaubnis, Ambivalenz zuzulassen:
- Der Raum ist in vieler Hinsicht sicher und
- der Raum ist für manche Menschen (gerade jetzt) unsicher.
Dass sich jemand unsicher fühlt, ist nicht automatisch ein persönliches Versagen der Leitung. Es kann Hinweise auf Strukturprobleme geben, muss es aber nicht. Manchmal ist es nur ein ehrliches Mitteilen der betreffenden Person, das unter Umständen gar keine Intervention erfordert.
Warum das in sexpositiven Räumen besonders relevant ist
Sexpositive Räume arbeiten oft mit intimen Themen: Körper, Grenzen, Begehren, Scham, Trauma, Macht, Nähe, Biografie. Wenn Menschen daran arbeiten möchten (oder auch nur neugierig sind), braucht es häufig ein Mindestmaß an erlebter Sicherheit.
Gleichzeitig gibt es in Gruppen häufig eine subtile Belohnungsstruktur:
- Wer teilt, gilt als „mutig“, „offen“, „authentisch“ und „frei“.
- Wer viel Persönliches preisgibt, erzeugt Nähe und Gruppenkohäsion (siehe weiter oben).
- Wer schweigt, wirkt schnell „distanziert“, „nicht dabei“, „verkopft“ oder „noch nicht so weit“.
Hier entsteht ein Risiko: Menschen überschreiten ihre eigenen Grenzen dessen, was sie wirklich teilen möchten. Und zwar nicht, weil jemand sie aktiv drängt, sondern weil das soziale Feld in eine Richtung zieht. Dies geschieht nonverbal über gruppendynamische Prozesse.
Und wenn Leitung (bewusst oder unbewusst) das „schöne Gefühl“ der Gruppe, die gewünschte Tiefe oder sogar „Heilung“ erwartet, kann diese Sogwirkung stärker werden. Dann bekommt „Heilung“ etwas von Performance: Das Zeigen, das Öffnen, das Durchbrechen als sichtbarer Beweis, dass „es wirkt“. Das ist verständlich und gleichzeitig gefährlich.
Eine präzisere Haltung jenseits der üblichen Labels
Vielleicht liegt der entscheidende Schritt nun darin, die Haltung hinter dem Ausdruck „Safe Space“ zu verändern.
Denn oft wird „Safe Space“ wie ein Status und manchmal sogar wie ein Verkaufsetikett benutzt: Der Raum ist sicher. Als wäre Sicherheit eine Eigenschaft, die man einmal feststellt und dann abhakt. In der Praxis ist Sicherheit aber eher ein Prozess, etwas Dynamisches: Sie entsteht (oder verschwindet) in Kontakt, im Tempo, in Machtverhältnissen, in Mikro-Signalen, in Gruppendynamik. Und sie ist abhängig davon, welche Erfahrungen ein Mensch mitbringt und was er im Hier und Jetzt gerade als möglich empfindet.
Statt also eine absolute Sicherheit zu behaupten, könnten wir den Fokus verschieben auf etwas, das sich ehrlicher anfühlt:
- Wir bauen Rahmen, die Sicherheit wahrscheinlicher machen.
- Wir kommunizieren Absichten, statt Garantien zu geben.
- Wir bleiben ansprechbar und korrigierbar, wenn etwas nicht stimmig ist.
- Wir respektieren individuelles Erleben.
- Wir verstehen Sicherheit als etwas, das gemeinsam ausgehandelt wird und nicht als etwas, das von oben definiert wird.
Das ist weniger „Wir sind safe“ und mehr: Wir tun unser Bestes, damit du dich hier sicher fühlen kannst und wir nehmen dich ernst, wenn das (noch) nicht so ist.
In dieser Haltung steckt auch eine Entlastung: Wenn jemand Unsicherheit spürt, ist das nicht automatisch ein Angriff auf die Leitung, und nicht automatisch ein Beweis, dass der Raum „schlecht“ ist. Es ist zunächst eine wichtige Information. Und es steckt eine Einladung darin, genauer hinzuhören: Was braucht dieser Mensch, damit er sich einen Millimeter mehr regulieren kann? Was würde den Raum für diese Person stimmiger machen? Und was ist vielleicht gerade schlicht nicht möglich, ohne dass daraus Schuld entstehen muss?
Diese Sätze tun etwas Entscheidendes: Sie geben die Deutungshoheit über Sicherheit zurück an die Person, die sie erleben soll.
So wird „Safe Space“ weniger zu einem Etikett, das man verteidigen muss, und mehr zu einer Praxis, die man gemeinsam (!) lebt.
[Vielleicht folgt hier bald ein zweiter Teil.]